Texte

Aus dem Tagebuch einer sehr alten Frau

Es knackte und schmerzt, auch wenn es ein wenig erholsam ist, als ich mich in meinen rubinroten Sessel träge hinein plumpsen lasse und sich sowohl mein Kreuz, als auch meine Hüfte klagend beschweren und mein geliebter Alfred tadelnd vom Bilderrahmen aus dem Kaminsims zu mir hinüber schaut. Kurz erleide ich meiner Melancholie und Trauer und verweile dort für eine Weile, als wäre es mein eigens erbautes Schlaraffenland, in dem ich träumend in den Armen meines Mannes liege und seinen Duft einatmen darf, wie eine Pause oder eine Auszeit aus dieser Welt, entrissen aus den Fängen meines Alltags, nachdem er fortgegangen ist. Ich atme tief mit zitternden Lungen ein, seufze einige Tränen mit bebenden Lippen hinunter und traue mich wieder die Augen zu öffnen und aus meinem Traumland zu erwachen. Dort steht er noch mit charmantem Lächeln auf dem Kaminsims und wartet darauf, dass ich meine Zeilen in mein zerfleddertes Tagebuch schreibe.

Was habe ich alte Frau schon noch zu erzählen, habe ich ihm sehr oft gesagt, doch er ermutigte mich immerzu meine Gedanken niederzuschreiben. Dann rosten meinen langsamen Zellen nicht ein, redete er mir ein. So würde ich zumindest nicht vergessen, ob ich überhaupt an dem Tag etwas gegessen oder unternommen habe, doch so ein Dinosaurier eines Menschen wie mir konnte kaum noch etwas bewegendes passieren. Was gab es auch zu berichten, was ich nicht schon gesehen oder gehört habe, könnte man meinen. So eine alte Schachtel, die kennt doch schon alles! Gewiss nicht, nein, das vermag ich nicht zusagen. Im Gegenteil. Immer wieder bin ich überrascht wie viel weniger ich diese Welt von Tag zu Tag kenne. Solche fremdartigen Dinge, ja wirklich. Neue Straßen, überall, neue Geschäfte, an jeder Ecke, und diese Menschen, was sie heutzutage anhaben! Verrückt. Und schnell. Oh, ja, so schnell, viel so schnell für meine abgelaufenen Augen. Bevor ich überhaupt mitbekomme was geschehen ist, da ist es schon vorbei. Die Zeit benötigen meine alten Glubscher noch, um sich zu justieren! Und all diese Technik, Wahnsinn. Meine Enkel versuchen mir schon seit längerer Zeit mir ein Notebook oder einen dieser Computer anzudrehen, neuerdings kommen sie mir mit diesen Smartphones an, als ob ich mit meinen zittrigen Fingern auf diesen beweglichen Fensterscheiben überhaupt etwas treffen kann, geschweige denn ein Telefonat annehmen! Ja, man stelle sich mal vor, es müsste schnell gehen! Da fliegen ihre Finger geschwind über diese Scheiben! Handfeste Tasten, das ist das wahre Gut, die werden auch wiederkommen, genauso wie die Mode von meiner Zeit jetzt schon wieder in den Straßen umherläuft! Dabei gibt es doch so nette neue Kleider, Schuhe und Hosen! Und dann laufen die heutigen Mädchen in so alten Marotten herum, da sehe ich im Vergleich ja noch aus wie ein junger Hüpfer.

Oh Alfred, die Welt, ich verstehe sie nicht mehr, es geht zu schnell, zu wild hier zu. Vielleicht bin ich aber auch zu langsam, das mag auch sein. Schon dämlich, dass sie das Rentenalter so spät legen, man weiß ja gar nicht was man mit seiner Zeit antun soll und diese kräftige, vor Energie sträubende Jugend beschwert sich, dass die Zeit zu schnell schwindet. Na, meine können sie getrost haben, ich kann darauf verzichten, so viele Stunden, alleine auf meinem Sessel, in der Wohnung oder unter den anderen alten Frauen, die genauso weinerlich und klagend durch die Straßen stolpern wie ich.

Ich hoffe es geht dir gut, warte auf mich, ich beeile mich, zu dir zu kommen,

in Liebe, deine Elise.

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