Texte

Der Analphabetenjäger

Bewaffnet mit Stift und Papier, eingekleidet in raschelnden, flatternden Seitenfetzen aus Büchern, die das Wissen der Welt bergen. So oder so ähnlich streift er durch das Land, auf der Suche nach jenen, die es nie gelernt, nie gekonnt, nie gezeigt bekommen haben. Das Lesen und Schreiben. Hoch motiviert, geradezu euphorisch rast er durch das weite Land und sucht sich seine Opfer aus. Er umkreist sie, belagert sie und zückt ganz raffiniert in ihrer Gegenwart sein scharfes Geschoss. Mit kratzenden Geräuschen und zärtlichen Schwingungen zeichnet er die Buchstaben auf das Papier und lässt es zunächst fremd und wie ein Kunstwerk ausschauen. Kaum zu erkennen, verwirrend, verschwommen und ohne wirklichen Zusammenhang erscheinen die merkwürdigen Schnörkel und Striche, die der Jäger dort von seinen filigranen Fingern auf dem Blatt erscheinen lässt.

Dann beginnt er zu erklären, zu erzählen und zu verdeutlichen. Er lässt sie schreiben, seine Kinder, lässt sie zeichnen, lässt sie abschreiben, abgucken, verstehen. Sprechen sollen sie, schreiben sollen, lesen werden sie!, munkelt und kichert der Analphabetenjäger seine zauberhaften Worte zwischen seinen raschelnden Buchseiten und freut sich auf sein Werk.

Ja, es ist seine Lebensaufgabe, sein Lebenswerk! Jeder soll es können, keinem soll es verwehrt sein! Das Lesen und Schreiben zu können. Welch Tragödie mit diesen Geschöpfen einhergeht, wenn sie diese Fertigkeiten nicht beherrschen, so machtlos, so orientierungslos und ausgeliefert. Keinen Brief können sie verfassen, kein Straßenschild erkennen, weder das Wissen über die Mathematik, noch über jegliche Kinderbücher oder Geschichten vermag in ihren Köpfen Platz zu finden.

Und so wird er durch die Länder ziehen, Tagein Tagaus und seine Opfer wählen, der Analphabetenjäger schreckt vor nichts zurück. Er zückt schnell und elegant seine Schreibfeder. Keine Herausforderung ist zu groß. Kein Talent vor ihm verborgen. Denn er weiß:

Ohne das geschriebene Wort sind wir verloren.

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