Schreiben

Kleiner Frankenstein

Träge, schlapp und leicht entkräftet schleppt man sich nach einem langen Tag, vollgestopft mit Arbeit, Haushalt und dem Tragen von Einkaufen, in die Wohnung. Dort strahlt er dann müde und erwartungsvoll: Der Computer. Schweigsam doch mit einer bedrohlichen Aufmerksamkeit steht er da. Tut nichts. Wirkt recht unschuldig, doch insgeheim strahlt er das schlechte Gewissen entgegen, denn er weiß genau Bescheid: Heute wurde noch kein einziges Wort geschrieben. Nicht einmal ein einziges Zeichen (Facebook- und Whatsapp-Nachrichten außen vor) konnte seinen rechten Platz auf einem galanten Papier finden. Und obgleich die Ausreden schnell vorgeführt werden, so wird einem trotzdem nur zu genau bewusst, dass dieser Zustand so nicht weiter geht. Ja, der Tag war anstrengend und das Bett ruft ebenso verführerisch, wie ein warmer, reich an Kalorien und Schokolade enthaltener Kakao. Gewiss die Lust versickert schnell, doch wenn ein Tag den nächsten grüßt und schließlich ein Wochenende und dann ein Monat den anderen und die Ausreden sich häufen, dann liegt das Manuskript noch ein Jahr weiter so unvollendet, deprimiert und klagend da und stirbt irgendwann an ignoranter Einsamkeit und Liebesentzug.

Und langsam, recht zaghaft, doch mit der Zeit zügig und griffsicher, werden die Tasten mit den richtigen Worten gefunden. Das noch leere Papier füllt sich, Worte fügen sich zu Sätzen und Absätze entstehen. Kapitel werden endlich abgeschlossen, ein erleichterndes und gleichsam mit Adrenalin und absoluter Begeisterung erfülltes Gefühl verbreitet sich von den Fingerspitzen bis in die heran gezogenen Zehen. Ja, dort stehen sie, die eigenen Worte, die selbst kreierte Geschichte, die erschaffenen Figuren, erweckt zum Leben. – Ein kleiner Frankenstein steckt wohl in jedem von uns, gell. Und da tanzen und bewegen sie sich, sie handeln und erleben Dinge, derer sie sich nicht bewusster sind, als der Schreiber selbst. Schließlich ergeben ganze Handlungsstränge Sinn, sie verflechten und verknoten sich und sind nicht mehr zu trennen. Also weiter machen, weiter schreiben, denn sonst verblasst die Magie und fort sind sie, die Geschichten, gesogen aus unserer Gedankenkraft.

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2 Kommentare zu „Kleiner Frankenstein

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