Texte

Der Sandmann schleicht sich herein

cat-645084_1920.jpg

Von Weitem schon da hört er sie, die müden, trägen Atemzüge. Mit einem gemächlichen Schmunzeln auf den Lippen, schnürt er seinen Sack voll Sand zusammen und tippelt durch die geheimen Gänge in die Nacht hinein. Niemand sieht ihn, natürlich nicht. Er ist zu klein, zu flink und ganz und gar gerissen. Das Haus Nummer vier ruft seine Fähigkeiten und das zu allzu später Stunde. Oft ist es so, dass seine letzte Schicht gar vor Sonnenaufgang eintritt und noch zu dieser Zeit der ein oder andere von ihm gerufen wird. Durch unsichtbare Lücken und Ritzen quetscht und huschelt das Männchen in das Haus hinein. Ungeachtet von seinen Bewohnern findet er jenen, der ihn rief. Vor einem Schreibtisch da sitzt er, erschöpft und gähnend vor der Tastatur: Der Schreiberling vor seinem Manuskript.
Natürlich hatte ihn niemand direkt gerufen. Es sind die Laute des Schlafs, die ihn, den Sandmann, zu den Menschen tippeln lässt. Der ein oder andere benötigt einen kleinen Schubser, um endlich die kuschelig warme Bettdecke aufzusuchen. Manchmal, so kommt der Sandmann etwas zu spät und dann kann es schon einmal vorkommen, dass sein Schützling die Tastatur zum Kopfkissen umfunktioniert und dort die Nacht gerädert verbrachte hatte.
Doch noch war er zur rechten Zeit erschienen. Mit einem schelmischen Grinsen klettert er den Rücken seines Schützlings empor. Natürlich kriegt dieser rein gar nichts mit. Seine großen, trägen Augen flackern verengt über den strahlend hellen Bildschirm und nehmen rein gar nichts um ihn herum wahr. Ja, ja, die Schreiberlinge wieder. Sie sind die Schlimmsten. Ganz und gar in eine andere Welt eingetaucht, kriegen sie überhaupt nichts mehr mit. Weder Zeit, noch Raum. Die Sturheit nicht das Bett aufzusuchen ist sensationell, genauso wie ihr enormer Koffeinverbrauch.
Jetzt allerdings lässt sich der Sandmann nicht lumpen. Hinterm Ohrläppchen angelangt klettert er die letzten Schritte über die Haarsträhnen zum Ansatz der Stirn empor. Triumphierend reißt er den Sandsack auf und schüttet reichlich Körner über die geringelten Stirnfalten hinweg. Der Schreiberling kneift die Augen verstört zusammen und reibt sie träge. Kaum noch ein Wort vermag er auf dem Bildschirm zu lesen. Die Wörter, sie werden unklar. Die Augen fühlen sich kratzig und ranzig an, die Müdigkeit steigt plötzlich rasant. Mit einem geknickten Nicken gibt er schließlich nach. Doch als er die Morgensonne erblickte lächelt der Schreiberling zufrieden. Ja, eine Nacht hatte er geschrieben, doch welch Erfolg hatte ihn durchtrieben. Ja, gewiss der Schlaf würde ihm den Tag verstreichen lassen, doch das trübt seine Gedanken keineswegs. Denn bei stiller Nacht, dann wenn jeder andere schläft, kriechen die Schreiberlinge aus ihrer kreativen Welt und tippeln neue Welten auf das leere Blatt Papier. Und nach gemachter Arbeit fühlt sich der Schlaf gleich viel erholsamer an. Der Schreiberling reckt und streckt sich, während die Bettdecke ihn wie durch Zauberhand in den seeligen Schlaf einmurmelt. Und der Sandmann lächelt zufrieden auf seinen Schützling herab. So ist’s recht und jetzt gute Nacht!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s