Schreiben · Texte

Unerwartete Erinnerungen

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Während ich im Internet umher stöberte und nach dem Wort Leben suchte, fand ich unter vielen Ergebnissen diesen Mann. Der Künstler, der dahinter steckte, nutzte als Suchwort also den Begriff Leben. Und wahrlich: Er hatte es treffend formuliert.

Mit grüblerischem Blick, gerunzelter Stirn und kreisenden Gedanken starrte er in die Vergangenheit. Sein Blick glänzte im Antlitz der Passanten, die an ihm vorbeigingen, während er nur Momente zuvor eine Erinnerung durchleben musste.
Unerwartet hatte er sich an diesem Morgen auf einen Spaziergang begeben. Zwar war es deutlich zu kalt an diesem Tag, doch irgendwie zog ihn der fröstelnde Wind in die Gassen dieser Stadt. Mit einer Wollmütze, die ihm einst seine Mutter gestrickt hatte und einem Schal, der so alt war, dass er sich kaum daran erinnern konnte, woher er diesen erbeutetet hatte, trat er hinaus in die Welt.
Als ihn der frische Wind um die Nase strich, fuhr er sich mit den noch warmen Händen durch das langsam frierende Gesicht und bemerkte die Stoppeln um sein Kinn. Dabei fragte er sich, ob ihm wohl ein langer Bart stehen würde oder doch eher wieder eine glatte Rasur zur Tagesordnung übertreten sollte. Einst, als er noch mit Anzug und Koffer durch die Büroräume schritt, da wäre er eher zu spät angetreten, als sein Äußeres zu missachten.
Diese Zeit ward allerdings so lange zurück, dass er daran zurückdachte, als wäre es nicht sein eigenes Leben gewesen, sondern das eines Freundes.
Für einige Zeit durchstreifte er einen Park, bis er an ein Café angelangte. Trotz der kalten Luft, nahm er draußen auf einem kargen Holzstuhl Platz und bestellte einen Tee. Welchen er haben wollte? Nun, das durfte die Kellnerin gerne selbst wählen, es war ihm gleich. Dabei schmunzelte diese und versprach etwas Besonderes anzurichten.
Während er nun da allein draußen vor dem Café auf einem Holzstuhl saß, an diesem so kalten Morgen, da beobachtete er Passanten, die eilig umherliefen, als läge ihnen der Tod im Nacken. Für einen Moment dann glaubte er jemanden zu sehen, der längst fort war. Sein Atem stockte und er versuchte mit seinen Augen diese junge Frau zu erfassen. Er wusste natürlich, dass sie es unmöglich sein konnte, doch entgegen seines Verstandes, pochte sein Herz voller Sehnsucht. Im nächsten Moment dann sackte die Erkenntnis ein, als sich die Frau zu einer Stimme umdrehte und ihr Gesicht dann doch ein ganz anderes war. Nein, sie war nicht seine Tochter gewesen, doch ja, er hatte es doch eigentlich gewusst. Denn sie war tot und das für immer.
Bevor die Kellnerin zurückkam, presste er die Lippen aufeinander, um die aufgestiegenen Tränen in seinen Augen zu unterdrücken. Als dann die dampfende Teetasse mit der frohlockenden Stimme der Kellnerin vor ihm abgesetzt wurde, nickte er bloß freundlich mit gedankenverlorenen Augen, denn sprechen konnte er für den Moment erst einmal nicht mehr. Die Kellnerin wunderte sich für einen Augenblick, sah jedoch an seinen Augen sehr deutlich, dass es angebracht schien ihm nicht zu stören.
Dort saß er nun bis hin zum Mittag und schwelgte in alten Erinnerungen. Erst als sich seine Gedanken zerstreuten begann er den längst kalten Tee zu trinken.

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4 Kommentare zu „Unerwartete Erinnerungen

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