Texte

Zwischen Leben und dem Schluss

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Mein Schatten schleicht durch die Gassen der Welt, zwischen jedem Schlupfwinkel, kennt alle Menschen und ihre Verstecke. Der Zeitpunkt folgt für sie alle, niemand kann sich davor drücken, mich bestechen oder Ausreden suchen. Es ist ein Zeitpunkt absoluter Ehrlichkeit. Der Moment der Wahrheit.
Obwohl ich meine allgegenwärtige Anwesenheit nicht vor ihnen verberge, benehmen sie sich, als hätte ihnen jemand die Unsterblichkeit geschenkt. Dem ist ganz und gar nicht so.
Denn ich bin der Tod und trachte allen Menschen hinterher, ganz gleich für wen sie sich halten.
Doch manchmal so wünschte ich mir, sie wären sich meiner bewusster. Würden fühlen, wie kostbar ihre Sekunden sind, die ihnen noch hier verbleiben. Manch einer weiß, wann ihn das Schicksal treffen wird und versuchen die Zeit hinaus zu dehnen, jeden Moment in den Erinnerungen zu speichern.
Weshalb, so frage ich mich, benehmen sie sich nicht immer so?
Wieso leben Menschen nicht jeden Tag, erfüllen ihn mit Herzenswünschen und trachten ihrer Leidenschaft hinterher? Weshalb verbringen sie so viel Zeit damit sich zu hassen, andere zu verachten, Streit und Kriege auszulösen, bei denen ich sooft zum Einsatz komme, dass ich mir mit den Jahren der Menschheit Hilfspersonal in Form von Sensenmännern und Sensenfrauen anschaffen musste.
Manchmal verbleibe ich noch einen Moment und sehe den Verbliebenen hinterher. Höre ihre Anklagen, sehe die Tränen und nehme ihre Verwürfe an mich in mir auf. Dabei beobachte ich ihren Schmerz, den Geliebten nie wieder sprechen zu können, nie wieder eine Antwort auf eine Frage zu hören, keine gemeinsamen Momente mehr teilen zu können und wie sie keine gemeinsamen Berührungen mehr fühlen werden.
Ich zerschelle ihr Leben und versuche zu verstehen, was sie durchleben, doch ganz gleich wie viel Leid ich beobachte, wie viele Bücher ich von ihnen lesen werde und wie oft ich sie mit mir nehme und auf die andere Seite führe: Ich werde das Leben der Menschen nie wirklich begreifen können.

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