Rezension: Leinsee

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Auf der Leipziger Buchmesse hatten wir die großartige Möglichkeit auf dem Diogenes Bloggertreffen die Autorin Anne Reinecke kennenzulernen. Sie stellte ihren Roman Leinsee vor. Zu Beginn, muss ich ehrlich gestehen, war ich von der Erzählung des Inhalts und vom Klappentext absolut nicht angetan. Als die Autorin jedoch begann aus dem Roman vorzulesen, war ich von der ersten Sekunde an in ihren Bann gezogen und konnte mich der Geschichte kaum entreißen. Dieses Gefühl packte mich wieder in dem Moment, da ich Zuhause anfing den Roman zu lesen.

An dieser Stelle möchte ich mich beim Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars bedanken!

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Fakten

Titel:  Leinsee | Autorenname: Anne Reinecke| Seitenanzahl: 368 | Genre: Gegenwartsroman | Verlag: Diogenes Verlag | Preis: 24,00 € | ISBN: 9783257070149 | Sprache: Deutsch | Erhältlich bei: Amazon*  Diogenes Verlag |

Inhalt

Karl ist noch nicht einmal 30 und hat sich schon als Künstler in Berlin einen Namen gemacht. Er ist der Sohn von August und Ada Stiegenhauer, ›dem‹ Glamourpaar der deutschen Kunstszene. Doch in der symbiotischen Beziehung seiner Eltern war kein Platz für ein Kind. Nun ist der Vater tot, die Mutter schwer erkrankt. Karls Kosmos beginnt zu schwanken und steht plötzlich still. Die einzige Konstante ist ausgerechnet das kleine Mädchen Tanja, das ihn mit kindlicher Unbekümmertheit zurück ins Leben lockt. Und es beginnt ein Roman, wild wie ein Gewitter, zart wie ein Hauch. [goodreads]


Lesezeit

Einnehmend. Intensiv. Fesselnd.

Auf auffälligsten und wohl imposantesten sticht in diesem Roman der direkte und so sonderbar besondere Schreibstil hervor. Einen Charakter in dieser Form so echt und in all seinen Facetten allein durch die gewählte Ausdrucksweise darzustellen, habe ich in so einer Intensität selten erlebt. Allein deswegen lohnt es sich bereits zum Buch zu greifen. Die Wortwahl und die Denkweise von Karl, dem Protagonisten, nahmen meinen Verstand beim Lesen vollkommen ein. Der Leserhythmus passte sich dem Schreibstil und damit Karls ganzem Wesen zu jeder entsprechenden Lebenssituation perfekt an. Wurde es ungemütlich, liebevoll, traurig, erdrückend oder witzig, so spürte man die Gegenwart von Karl mit jedem Wort, jeder Formulierung und der perfekt platzierten Wortwahl von Anne Reinecke.

Karl schluckte, er würde jetzt nicht anfangen zu weinen, nicht neben diesem Jahrgangsarschloch.
– Karl | Leinsee | Anne Reinecke | Seite 36

Trotz der eigentlich schweren und belastenden Thematik, vollbrachte es die Autorin stets durch Karl einen gewissen Humor durchsickern zu lassen, der mich meist unvorbereitet traf und die Situation aus meiner Perspektive noch lustiger erschienen ließ. Karl trat durch seine Art unfassbar sympathisch auf. Seine plastische und analytisch trockene Denkweise begeisterten und fesselten mich. Der Schreibstil lässt einen als Leser nicht mehr los. Man wird an die Seiten geheftet und kann es kaum wagen den Roman auch nur für wenige Minuten niederzulegen, obwohl die Handlungen an sich nicht allzu häufig oder dramatisch auftreten, so ist es die Art wie Karl Situationen wahrnimmt, die einen als Leser in den Bann zieht.

Im Halbschlaf überlegte er, ob er möglicherweise selbst nur eine Einbildung war. Vielleicht existierte er nur in Tanjas Kopf. Ihm war klar, dass der Gedanke irgendwie schief war, aber gleichzeitig schien etwas sehr Plausibles daran zu sein, und das beruhigte ihn.
– Karl | Leinsee | Anne Reinecke | Seite 74

Anne Reinecke ließ den Fokus im Roman auf zwei Themen richten; zum einen auf die Kunstwelt und zum anderen auf die Beziehungen von Karl, seien es Liebschaften oder Freundschaften. Als Leser in die Welt der Kunst und das Leben eines Künstlers einzutauchen, empfand ich als wahnsinnig interessant. Dieser Lebensstil wird nicht nur angeschnitten, sondern in einer beachtlichen Intensität in die Handlung mit eingeflochten. Auch wenn es stets mehr als Nebenhandlung fungiert und oft in den Hintergrund flüchtig eingebaut wird, so ist die Kunst immer präsent. Dadurch erlangt man als Leser ein gewisses Gefühl, sich in dieser sonst so fremden künstlerischen Sphäre für ein paar Stunden zu befinden und zu verstehen, wie dieses Form des Lebens abläuft.

Das Gute an einer Erektion ist, dass es ein Ziel gibt, dachte Karl und es ist eine ehrliche, unmissverständliche Äußerung.
– Karl | Leinsee | Anne Reinecke |  Seite 114

Die Beziehungen, die Karl durchläuft, lassen seine Gefühlswelt und seine gesamte Persönlichkeit am besten verstehen und nachvollziehen. Die Art wie er mit anderen Menschen verkehrt und interagiert, sind mitunter die witzigsten und gleichzeitig bedrückendsten Szenen im Roman. Gerade die Bindung, die er zu dem Kind, Tanja, aufbaut, ist mitunter am ergreifendsten. Die Verspieltheit und Unbeschwertheit von Tanja lassen den Roman eine gewisse Leichtigkeit widerfahren, die so nur durch das Auftreten eines Kindes möglich wurde. Tanja erscheint wie ein wahr gewordenes Irrgespinst, welches sich unaufdringlich in die Welt von Karl einnistet und ihm die Schönheit und Leidenschaft verleiht, die ihm fehlte.

Das sollte sich seltsamer anfühlen. Das war der Gedanke, der Karl durch den Kopf ging. Nichts Kluges, nichts Originelles, nur: Das sollte sich seltsamer anfühlen.
– Karl | Leinsee | Anne Reinecke | Seite 147

Durch den Handlungsverlauf habe ich mit der Zeit eigene Theorien und wilde Ideen in meinen Gedanken entstehen lassen, wie wohl der Roman enden könnte, worauf all die Anspielungen und Karls Leben hinauslaufen wird. Leider hat das Ende schließlich nicht ganz meinen Erwartungen entsprochen, dennoch empfinde ich es schlüssig und durchaus nachvollziehbar. Die Symbolik dahinter und dadurch, dass es etwas Märchenhaftes, fast schon Romantisches enthielt, hat mir mitunter am meisten gefallen.

Wenn man erst einen Namen hat, ist es ganz egal, wie man heißt. Der achte Ausdruck macht die klare Idee. Sobald man nur dir rechten Namen hat, so hat man die Ideen mit. Gute Werke haben keinen Namen.
Leinsee | Anne Reinecke


Fazit

Mit Leinsee hat Anne Reinecke einen außergewöhnlich beeindruckenden Debütroman niedergeschrieben, der vor allem durch ihren bedeutungsvollen Schreibstil und die intensive Atmosphäre, die dadurch hervorgerufen wurde, den Leser in seinen Bann zieht und einen geradezu mit ihren Worten hypnotisiert. Leinsee wirkt durch den Titel und dem Handlungsverlauf ruhig, doch gerade dadurch trifft einen Karls Gedankenleben umso eindringlicher und authentischer, was den Roman zu einem geradezu abenteuerlichen Erlebnis gestaltet, trotz oder vielleicht wegen der Stille dahinter.

lover


Weitere Rezensionen

Trallafittibooks
Jules Leseecke


LoveSarah

12 Antworten auf „Rezension: Leinsee

  1. Wundervolle Rezension, liebe Buchnachbarin.
    Der Schreibstil hat mich von der ersten Seite an total in den Bann gezogen.
    Es freut mich sehr, dass dir der Roman, bis auf das Ende, auch so gut gefallen hat.
    Jetzt freue ich mich auf Olga :)

    Danke fürs Verlinken.
    Superliebe! <3

    Gefällt 1 Person

  2. […] Kaum ereilte mich am Montag der Feierabend, suchte mich binnen weniger Stunden wieder eine Erkältung Heim. Wunderbar. Immerhin hatte ich so viel Bettzeit, was Zeit zum Lesen und Liegen bedeutete. Nachdem mein Kopf wieder etwas frei war, habe ich direkt Leinsee weitergelesen und auch sehr schnell beenden können. Der Roman hat mich sehr begeistert, obwohl mich das Ende schließlich nicht wirklich überzeugen konnte. Prompt habe ich meine Gedanken in diese Rezension gepackt. […]

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  3. Liebe Sarah,

    Eine wirklich wundervolle Rezension, die mich gleich umso mehr motiviert endlich zu dem Buch zu greifen! Ich muss nämlich gestehen, dass mich die Story ans sich erst einmal nicht so angesprochen hat, nun bin ich aber sehr gespannt!

    Liebste Grüße ❤ Jill

    Gefällt 1 Person

    1. Liebste Jill,
      hach, das musst du unbedingt! Ich bin sooo gespannt wie du Karl finde wirst.
      Ja, bei mir war es tatsächlich auch so. Irgendwie hatte ich keine Verbindung zum Thema und bin umso begeisterter, dass es mich so umgehauen hat, entgegen meinen niedrigen Erwartungen.

      Alles Liebe,
      Sarah

      Gefällt mir

  4. […] Leinsee begeisterte mich durch die Ruhe und gleichzeitige Aufgebrachtheit. Es ist ein unfassbar intensiver Roman, der durch die Nähe zum Protagonisten punktete. Wir sind Karl so nah wie es nur möglich sein kann. Karls Charakter faszinierte mich. Die Wortwahl von Anne Reinecke passte sich entsprechend Karls Gemüt an und brachte eine Authentizität des Charakters hervor, die den gesamten Roman getragen hat. Als zusätzliches Thema wurde hier die Kunstwelt miteingebunden, was mich sehr begeistert hat, vor allem, da es nicht zu sehr in den Vordergrund gedrängt und gleichzeitig nicht oberflächlich abgehandelt wurde. […]

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