Kreatives Schreiben | Was wäre wenn…

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Ab heute möchte ich eine neue Beitragsreihe ins Leben rufen: Jeden Freitag möchte ich eine kreative Schreibaufgabe stellen, die ich selbst bearbeite und jeden dazu einlade, ebenfalls mitzumachen. Das große Motto dieser Reihe lautet Was wäre, wenn…. Unter diesem Stichwort werde ich eine Vorgabe liefern, die dann nach eigenem Belieben umgesetzt werden kann. Ob man sich kritisch mit dem Thema auseinandersetzt, eine Kurzgeschichte schreibt oder einen Erfahrungsbericht – eurer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Das erste Thema lautet:

Was wäre, wenn Harry Potter eigentlich auf wahre Begebenheiten beruht und du wirklich nur ein elender Muggle bist, der wehleidig auf seinen Brief seit dem 11. Geburtstag gewartet hat? 

Die Straßen von London sind zu dieser Uhrzeit eher spärlich gefüllt, kaum jemand läuft durch die Gassen, was von einer Millionenmetropole nicht zu denken wäre. Doch Londoner sind Spätaufsteher, das merke ich jedes Mal aufs Neue, wenn ich mich zu den Morgenstunden auf dem Weg mache. Ich eile über die Kopfsteinpflaster, werfe hin und wieder einen Blick in die kaum zu beachtenden, wie versteckt scheinenden, Nischen zwischen den großen Einkaufspassagen. London besteht in seiner Größe aus vielen kleinen Labyrinthen, nur, dass es den meisten zunächst gar nicht auffällt. Wenn man jedoch einen etwas genaueren Blick wagt, sieht man sie: All die Verstecke und geheimen Winkel. Bei meinem ersten Aufenthalt in London habe ich gerade nach diesen Dingen Ausschau gehalten. Auch wenn es vielleicht etwas nerdig und seltsam erscheinen mag, doch nachdem ich in den Harry Potter Romanen über die Dinge las, die Muggle übersehen, halte ich umso bedächtiger nach Sonderheiten Ausschau. So als könnte ich niemals ein unachtsamer merkwürdiger griesgrämiger Muggle sein. So als gäbe es wirklich Magie.
Und weil ich nun mal neugierig stets den Blick in jede unscheinbare Zuflucht recke, konnte ich die folgenden Geschehnisse auch nicht übersehen.
Ich schlendere mit unschuldigen Gedanken umher und entdecke wieder einen dieser Schlupfwinkel: Die Gasse beginnt an der Stelle wo ich stehe sehr schmal und weitet sich je mehr man hineinläuft. Ich wundere mich, wohin mich dieser Weg wohl führen wird und laufe prompt hinein. Als Leser ahnt man nun schon, dass etwas geschehen wird. Andernfalls wäre es auch irgendwie eine Enttäuschung, nicht wahr? Man würde sich in die Irre geführt fühlen, immerhin entsteht hier sozusagen ein kleiner Spannungsbogen. Ich laufe in die Gasse hinein, einer merkwürdig erscheinenden und kaum wahrnehmbaren Gasse. Irgendetwas muss also geschehen, oder? Keine Sorge, das wird es auch, aber vielleicht habe ich die Spannung an dieser Stelle auch vorweg genommen und in einem anmaßenden Ausmaß hochgeschraubt, der ich mit keiner zu folgenden Geschichte gerecht werden könnte. Nun, wenn es so ist, dann ist es leider auch nicht mehr zu ändern, denn es ist bereits gesagt: Etwas wird geschehen.
Während ich Schritt um Schritt voreinander setze, spüre ich eine gewisse Veränderung. Plötzlich fühlt sich die Luft merkwürdig an. Ich fühle mich merkwürdig an. Diese Umgebung bekommt mir nicht. Mit jedem weiteren Meter habe ich das Gefühl, erdrückt zu werden, von der Umgebung, die doch die gesamte Zeit über normal zu bleiben scheint und dennoch verändert sich die Atmosphäre so, dass ich mich unwohl fühle. Es ist diese Form des Unwohlseins, was einem verrät, dass ein Umdrehen die klügere Wahl wäre. Wie ein innerer Schutzmechanismus, der einem einbläut, dass Gefahr zu erwarten ist und der schleunigste Heimweg die dringendste Empfehlung an dieser Stelle wäre.
Zwischen den Häuserwänden ist nichts zu erkennen, besonders dunkel oder gruselig erscheint dieser Weg auch nicht. Das einzig merkwürdige ist die Verlassenheit: Hier ist niemand. Nun, natürlich außer meiner selbst, die ich gerade diesen Pfad entlanggehe, nicht ahnend in welche Begebenheiten ich gleich reinplatze. Ich fühle wie es unheimlich wird, trotzdem gehe ich weiter. Ein Schritt noch. Noch einer. Ich zögere, eben weil ich spüre, dass sich das hier gänzlich falsch anfühlt, aber ich kann mich dennoch nicht davon überzeugen, umzudrehen und den normalen schönen großen breiten Gehweg an der Hauptverkehrsstraße entlangzugehen. Diese Gasse zieht mich an und verscheucht mich gleichermaßen. Das fasziniert mich und wie könnte ich vor etwas zurückweichen, was mich mit Faszination geradezu ansteckt? Eben.
Um die Spannung nicht mehr unnötig abflauen und schließlich gänzlich verpuffen zu lassen: Es krachte.
Wobei krachte etwas zu lieb formuliert klingt, als wäre eine Tür zugeflogen oder eine Mülltonne umgekippt. Der Lärm ist exorbitant. Vielleicht übertreibe ich jetzt.
Mit einem Lärm, der als Ohrenbetäubend betitelt werden könnte, tauchen plötzlich vor mir drei Gestalten auf. Und mit vor mir meine ich nicht wenige Meter entfernt oder am Ende der Gasse: Nein, sie tauchen direkt vor mir auf. Ich befinde mich quasi von jetzt auf gleich inmitten ihrer Gesellschaft. Es sind drei an der Zahl und sie reden, als wäre gerade rein gar nichts geschehen. Sie diskutieren, während ich abrupt zum Stehen gekommen bin und sogar vor Schreck einen Schrei ausstieß, doch davon lässt sich nicht einer von ihnen beirren: Sie reden oder diskutieren, doch wenn ich es recht bedenke, dann streiten sie einfach weiter. Gerade war diese Gasse noch leer. Jetzt befinde ich mit inmitten einer Unterhaltung, an der ich gar nicht teilnehme, eigentlich.
»Lächerlich, wir brauchen nicht die Erlaubnis der ganzen Abteilung, um diesen Goblin ausfindig zu machen und gefangen zu nehmen.« Schon als diese Personen sich einfach vor mir materialisierten, hätte ich skeptisch sein müssen, oder in Ohnmacht fallen, schreiend davonlaufen oder sie freudestrahlend umarmen, wobei Letzteres für mich vielleicht zum Tod geführt hätte. Mein Herz setzt aus. Das hier passiert wirklich. Ein Abstreiten wäre zwecklos, hier handelt es sich nicht um Special Effects. Sie sind echt. Ich schlafe nicht und mich in den Arm zu zwicken, um das zu überprüfen wäre mir dann doch zu unangenehm, außerdem zweifle ich diese Technik an. Wenn ich träume, träume ich. Und wenn nicht, nun dann eben nicht. Oder ich liege im Koma.
Doch jetzt gerade in diesem Moment kreide ich diese Echtheit nicht an. Vor mir sind Menschen mit einem gewaltigen Knall einfach aufgetaucht. PUFF. Einfach so!
Ein Schrecken widerfährt mich.
Nein.
Das darf nicht wahr sein.
Mein Schock spiegelt sich schließlich auch in den Gesichtern der Streitenden wieder; im Übrigen sei zu erwähnen, dass sie Umhänge tragen und bei meiner weiteren Inspektion sehe ich Zauberstäbe. Das darf nicht wahr sein.
»Das ist nicht gut«, sagt die junge Frau, die rechts von mir steht und weist unnötiger Weise noch mit dem Zeigefinger auf mich, wodurch die Gespräche mit einem Male verstummen.
Ich starre sie immer noch an, während ich immer wieder denke: Nein, das darf nicht sein. Ich bin ein verdammter Muggle.
Und im nächsten Moment dann, bevor ich weiß wie es um mich geschieht, reckt der Mann vor mir seinen Zauberstab und flüstert Worte.
»Tut mir leid, aber das hier geht dich nichts an.«
Und damit endet die Geschichte. Gewiss etwas ernüchternd, weil wir nie herausfinden werden, was es eigentlich mit dem Goblin auf sich hat und wer diese drei Gestalten eigentlich waren, doch unsere Erinnerung erlischt und wir werden nicht einmal mehr etwas von diesem einen Moment wissen, weil nun ja, ich keine Erinnerungen mehr daran hege und an diesem Morgen, wie an jedem anderen Morgen, ohne Zwischenfälle nur die Einkaufspassagen von London entlang geschlendert bin, um einen Bücherladen aufzustöbern.


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Buchvernarrt


LoveSarah

17 Antworten auf „Kreatives Schreiben | Was wäre wenn…

  1. Hi Sarah,
    ich find die Beitragsreihe super. Regelmäßige Schreibaufgaben hab ich schon auf so einigen Blogs gesehen, aber die meisten haben mich nicht so angesprochen weil sie relativ offen gefasst sind. Ich hab jetzt nämlich schon einige Monate gar nichts mehr geschrieben (davor hobbymäßig), möchte aber unbedingt wieder anfangen. Leider fehlt es etwas an den Ideen, aber ich glaube mit deiner Beitragsreihe ist zumindest ein Anfang getan :).
    Deine Geschichte hat mir übrigens auch sehr gut gefallen, besonders das Ende.
    Dann guck ich mal dass ich mich morgen vielleicht direkt an meine eigene Version mache ;).
    LG Alex

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    1. Hallo Alex,
      ouh, das freut mich aber, dass dich meine Beitragsidee motiviert! Ich fühle mich richtig geehrt, dass dir das gefällt. Solltest du dich an den Beitrag setzen, schicke mir unbedingt in den Kommentaren deinen Link, dann werde ich ihn direkt miteinfügen! :) Ich bin supergespannt auf deine Umsetzung!
      Alles Liebe,
      Sarah

      Gefällt 1 Person

      1. Schande über mich, ich hab es bisher noch nicht geschafft etwas zu schreiben.
        Ich hab am Freitag eine Klausur, von der ich dachte ich wäre gut vorbereitet aber dann sind mir doch noch tausend Themen eingefallen die ich nochmal angucken sollte….
        Ich werd dazu aber definitiv noch etwas schreiben, ich hab da nämlich schon eine Idee im Kopf ;).
        LG Alex

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      2. Dann wünsche ich dir unglaublich viel Erfolg bei der Klausur!
        Die Schreibaufgabe bleibt ja quasi auf unbegrenzte Zeit bestehen :) daher: setz dich dran wann du Zeit & Lust zu hast :) ich bin schon supergespannt!
        Alles Liebe,
        Sarah

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      3. So, endlich geschafft! :D Es hat wirklich gut getan, mal wieder etwas zu schreiben.
        Vielen Dank für den Anreiz!
        Ich bin schon auf die nächste Aufgabe gespannt ;).
        LG Alex

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  2. Liebe Buchnachbarin,
    ich sitze hier, im Nachtdienst, mit einer Schale Chips vor dem Laptop und habe das Lesen der kleinen Geschichte sehr genossen <3 Danke dafür.
    Hach, ich liebe deinen Schreibstil einfach unfassbar doll und freue mich schon jetzt auf den nächsten Beitrag dieser Reihe :)

    Superliebe.

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  3. Liebe Sarah, ein wirklich fantastischer Start für deine neue Beitragsreihe!
    Ich finde die Idee wirklich toll und freue mich daher umso mehr, gleich noch mehr von dir lesen zu können❤
    Und auch die Story selbst ist wirklich mehr als nur gelungen!
    Ich freue mich bereits schon sehr auf deinen nächsten Beitrag :)

    Liebste Grüße ❤ Jill

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    1. Liebe Jill,
      Hach vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Es bedeutet mir wirklich viel, dass es dir gefallen hat :)
      Ich bin gespannt, wie dir die weiteren Ideen gefallen werden :)
      Alles Liebe,
      Deine Sarah

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  4. Wir alle sind Zauberer aber wir glauben es nicht. Und jedem geschieht letztlich „nach seinem Glauben“. Unsere Glaubenssätze haben die fatale Tendenz, sich in unserem Schicksal zu verwirklichen. Und dann bleiben wir Muggle. Die Grenzen sind in unserem Kopf. An unseren Glaubenssätzen, und seien sie noch so abstrus, halten wir fest. Sie sind unser eingebildetes Ego. Was kann man da machen? Herzlicher Gruß. Muggle- Dirk

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