Rezension: Superhero

Superhero habe ich einzig deswegen angefragt, da Becca es im Diogenes Verlag entdeckt hat. Zuvor ist mir die Geschichte noch gar nicht aufgefallen, doch Becca war umgehend Feuer und Flamme und ließ mich auch neugierig werden. Der Klappentext klang vielversprechend, also fragte ich den Roman an. Daher an dieser Stelle: Vielen lieben Dank lieber Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! Ich muss gestehen: Mit dem, was ich schließlich antraf, habe ich absolut nicht gerechnet und wurde mit einer unglaublich besonderen Geschichte überrascht.


Fakten

Titel:  Superhero | Autorenname: Anthony McCarten | Seitenanzahl: 320 | Verlag: Diogenes Verlag | Preis: 10,00 € [Taschenbuch] | ISBN: 978-3-257-24411-3 | Sprache: Deutsch |

Inhalt

Donald Delpe ist 14, voller unerfüllter Sehnsucht, Comiczeichner. Er möchte nur eines wissen: Wie geht Liebe? Doch er hat wenig Zeit – er ist schwerkrank. Was ihm bleibt, ist ein Leben im schnellen Vorlauf. Das schafft aber nur ein Superheld. Donald hat sogar einen erfunden – MiracleMan. Aber kann MiracleMan ihm helfen, oder braucht Donald ganz andere Helden? [Diogenes]


Lesezeit

Besonders, anders und vollkommen unerwartet.

So viel sei vorab gesagt: Der Klappentext gibt nicht einmal annähernd preis, was einen als Leser in Superhero erwartet. Ja, sicherlich, es geht um Donald Delpe, er ist schwerkrank und Comiczeichner. Und er sucht die Liebe. Und dann ist da noch MiracleMan. Das Gesamtkonzept erstreckt sich über diese Faktoren und behandelt eben diese Themen und trotzdem ist es so viel mehr und vor allem ganz und gar anders, als man es annehmen könnte. Wer auf eine emotionale Geschichte eines schwerkranken  Teenagers, der mit einem Superheldenkostüm versucht die Welt zu retten und vor seinem Ableben noch etwas Bedeutungsvolles hinterlassen will, hofft, der irrt. Etwas Bedeutungsvolles will Donald schon. Doch nicht für die Welt, sondern für sich selbst. Das große Thema Sex, erstes Mal, erste Liebe und große Taten werden hier in den Vordergrund gerückt, mit einer gezielt direkten Ausdrucksweise.

Den Grabspruch, den er der Nachwelt hinterläßt, lautet: „Ich will mein Geld zurück. Ich habe nichts kapiert.“
-Donald | Superhero | Anthony McCarten | Seite 39

Der Schreibstil von Anthony McCarten traf mich genauso unvorbereitet wie der eigentliche Inhalt des Romans. Er ist grandios. Auf der Suche nach Zitaten finde ich kaum Textstellen, die sich nicht wenigstens über eine halbe Seite erstrecken. Die länge der Sätze etablieren sich als Markenzeichen des Romans. Kurz bevor man denkt, der Satz findet sein Ende, geht er noch über zwei weitere Absätze hinaus. Es ist faszinierend und belustigend zugleich. Die Formulierungen beinhalten unzählige Metaphern und Vergleiche, die einen gewissen Humor an den Tag legen und sich selbst innerhalb der Wortansammlungen zu übertreffen versuchen. Es ist beeindruckend wie Anthony McCarten mit den Worten jongliert und sie fast wie ein gigantisches Gedicht aneinanderreiht, um dem Roman einen gewissen Klang beim Lesen zu verleihen. Die Geschichte liest sich nicht einfach träge hinfort. Nein. Die Art und Weise wie Anthony McCarten die Sätze strukturiert und die Worte nutzt, mal kurze Sätze, mal über eine Seite lang, mal dramaturgisch, mal Prosa, sorgen dafür, dass der Roman seinen ganz eigenen Rhythmus erhält und man eine ganz eigene Erzählerstimme im Kopf sprechen hört, die den Roman vorträgt. So real wird plötzlich Donald und seine Geschichte.

Schon halb geschafft. Auf halben Weg zum Nicht-mehr-Sein. Jetzt bloß kein Rückzieher. Welt, sag adieu zu einer Mißgeburt, die nicht einmal genug Mumm in den Knochen hatte, ihren sechszehnten Geburtstag zu erleben, zu einem Verlierer an allen Fronten, der sich immerhin mit Stil verabschiedet, mit einem Au revoir, einem Sayonara und einem Tschüß allerseits an all die unbeschrittenen Wege und unbesehenen Zukünfte, an alle nicht aufgehakten Büstenhalter und ungeküßten Mädchen, mit einem Lebewohl an alle ungelernten Lektionen und ungemachten Fehler, mit einem herzhaften Verpißt euch an alle qualvollen medizinischen Therapien und Demütigungen und mit einem abschließenden Gehabt euch wohl an den ganzen menschlichen Rummel, in dem kaum einer es merken wird, daß hundert Pfund Fleisch mit einer Seele drin irgendwann nicht mehr da sind.
-Donald | Superhero | Anthony McCarten | Seite 38

Anthony McCarten erzählt uns keine emotionale Geschichte über einen Teenager, der nicht sterben will, der kämpfen möchte, der heult, der Gut ist, der ein tragisches Schicksal durchlebt und ganz viel Mitleid erleben möchte. Donald ist ein Teenager, der schwerkrank ist und natürlich will er nicht sterben, doch gleichzeitig macht er sich auch nichts vor. Er möchte seine Zeit nicht verschwenden, möchte nicht bemitleidet werden oder dass ihm jemand seine Situation schönredet. Er betrachtet sich, seinen Körper, seine Situation immer wieder und lässt den Zynismus nicht selten ans Tageslicht blicken. Wir erleben hier nicht den kämpferischen, mit Freunde und Familie umzingelten Kranken, der bis zum Schluss hofft. Donald sagt ganz klar, wie die Situation ist und er hegt kein Verlangen, es jedem recht zu machen, während es ihm selbst ziemlich beschissen geht. Er verstellt sich nicht. Er ist nicht nett. Er kuschelt sich nicht mit seinen Eltern auf die Couch, um noch ein paar letzte schöne Momente zu sammeln. Donald denkt an all die Momente, die er verpassen wird und welche er unbedingt noch erleben muss, bevor er sein Ende findet. Denn daran zweifelt Donald nicht einen Moment lang, während alle anderen noch hoffen: Er ist sich sicher, dass er sterben wird und badet sich in seinem Elend.

„Klar, wir sind immer noch da, Arschloch. 150 Millionen Jahre und kein Ende abzusehen, Kumpel. Und wenn’s sein muß, warten wir noch mal 150 Millionen Jahre, bis ihr Krachmacher, ihr selbstsüchtigen verfressenen Mistkerle euer eigenes Nest dermaßen gründlich verdreckt habt, daß ihr von der Bildfläche verschwindet und uns echten Tiere da weitermachen laßt, wo ihr uns dazwischengekommen seid. Ohne Umweltverschmutzung, ohne Waldsterben, ohne Speisekarten, auf denen unsere Namen stehen. Ein Spiel unter Gleichberechtigten. Das Paradies. Weißt du noch?“ Kein Wunder, dass Tiere im Warten Weltmeister sind. Die haben schließlich jede Menge Übung. Ein Tier weiß, daß das Leben fast nur aus Warten besteht.
– Donald | Superhero | Anthony McCarten | Seite 34

Der mitunter interessanteste Aspekt des Romans ist der Wechsel zwischen der eigentlichen Geschichte um Donald und dem Comic, den er zeichnet. Dieser wird in Schriftform wie eine Art Drehbuch in den Roman eingeflochten. Der Comic nutzt größtenteils vulgäre Ausdrücke, welche die Gedankenwelt von Donald, einem vierzehnjährigen Teenager, perfekt wiedergeben. Der Comic reflektiert Donalds Situation wieder, zeigt seine Ängste auf eine ganz eigene Art, in Form von Superhelden und Endgegnern. Der Roman lebt durch seine Vergleiche und Parabeln auf. Anthony McCarten nutzt diese Mittel so strategisch, dass es mich durchweg faszinierte.

RENATA: Versuch es mal. Es würde nichts schaden, wenn du wüßtest, was im Kopf von deinem Sohn vorgeht.
JIM (in dem nun endgültig die Wut hochsteigt): Und du glaubst, das kannst du aus einem Buch von Amazon erfahren? Ich habe wenigstens etwas für ihn getan. Was hast du denn getan?
– Die Eltern | Superhero | Anthony McCarten | Seite 173

Neben Donald erfahren wir auch die Nebenkonflikte, die Probleme, die einhergehen, wenn jemand im Umfeld schwerkrank wird. Wie handeln die Eltern? Wie handeln Geschwister? Freunde? Schulkameraden? Lehrer? Ärzte? Wie geht die Welt mit einem um, wie kämpft sie, wie versucht sie mit dem Schwerkranken zu leben? Auch diese Szenen wurden sehr direkt und schmerzfrei präsentiert und mit einer gewissen Ernüchterung musste ich feststellen, wie viel Wahrheit hinter den jeweiligen Reaktionen steckte. Es ist nun mal nicht immer alles wie in Hollywood und das kristallisiert Anthony McCarten ausgezeichnet heraus.

ADRIAN: Das Leben ist kein Comic. Nicht alles ist schwarz oder weiß.
– Der Psychologe | Superhero | Anthony McCarten | Seite 212

Doch es ist nicht nur die Schreibweise und die Gedankenwelt von Donald, die diesen Roman zu etwas Besonderem machen. Die Strukturierung in unterschiedliche Akte, die einem Drehbuch gleichkommen und die Idee, dass wir als Leser nicht immer alles zur rechten Zeit mitbekommen, wird vom Autor perfekt genutzt, um schließlich die Wendepunkte und Überraschungsmomente einzubauen. Das Ende hat mich wirklich begeistert, auch wenn gerade dieser Punkt nicht wirklich überraschend kam, so las es sich genau richtig.


Fazit

Mit Superhero hat Anthony McCarten einen ganz und gar andersartigen Roman über einen Schwerkranken geschrieben, der die leidvollen und ungerechten Seiten des Lebens aufweist. Mit einem sehr direkten Humor, einem zynischen Teenager und einer faszinierenden Schreibweise ist es ein einzigartiges Leseerlebnis, das einen unerwartet trifft und mit einem Lächeln wieder loslässt, trotz der schweren Thematik.

lover

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LoveSarah

7 Antworten auf „Rezension: Superhero

  1. Nachdem du jetzt soooo viele Diogenes-Bücher vorgestellt hast, habe ich auf der LitBlog-Convention mal eine Veranstaltung des Verlages besucht – und nun ruht auch endlich ein Diogenes-Buch weit oben auf meinem SuB – Leinsee von Anne Reinecke :).

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