Booktalk: Was ist schon normal – Spinster Girls | Holly Bourne

Gemeinsam mit Jill habe ich innerhalb der letzten zwei Tage den Jugendroman Was ist schon normal?, den ersten Band der Trilogie Spinster Girls by Holly Bourne,  durchgelesen. Obwohl das Buch nur knapp 400 Seiten hat und ich den gesamten Samstag Zeit hatte und es sich eigentlich recht flott lies, so wühlten mich derart viele Passagen auf, dass ich in ständigem Sprachnachrichten-Kontakt mit Jill geriet, um mich über gewisse Punkte auszutauschen. Da mich dieser Roman sehr aufgewühlt und zwiegespalten zurückließ, habe ich beschlossen einen Booktalk anstelle einer Rezension zu verfassen, um meine Gedanken deutlich zu Papier zu bringen. Vorab möchte ich sagen, dass ich durchaus verstehen kann, dass dieser Roman gemocht wurde und weiterhin gefeiert wird. Mir ist es jedoch wichtig, auch kritische Punkte herauszustellen, vor allem, hinsichtlich der tatsächlichen Intention des Feminismus und wie die Umsetzung teilweise in dieser Geschichte bei mir aneckte. Da ich in meinem Beitrag auf viele Details und einzelne Aspekte des Romans eingehen werde, möchte ich darauf hinweisen, dass hier durchweg gespoilert wird. Von der ersten bis zur letzten Seite werde ich einiges verraten, daher bitte ich darum diesen Beitrag nur zu lesen, wenn ihr das Buch selbst schon kennt oder ihr gerne alles erfahren wollt, um herauszufinden, ob dieses Jugendbuch etwas für euch ist.

„Ein Spinster Girl sein heißt, dass man seine Beziehungen zu Frauen genauso wertschätzt wie die zu Männern.“
„Ein Spinster Girl sein heißt, dass man nicht die eigene Persönlichkeit verändert, nicht das, woran man glaubt und was man will, nur weil es das Leben eines Jungen einfacher macht.“


Der Titel Was ist schon normal, lockte mich direkt an. Auf Instagram las ich bereits etliche positive Rückmeldungen von Buchbloggern und Rezensenten. Dieses Buch sei anders. Es wäre gut für Teenager. Zum Teil kann ich diesem Aspekt auch zustimmen. Ich kann durchaus nachvollziehen, weshalb die Spinster Girls so viel positive Rückmeldung erhalten haben und weshalb diese Geschichte um sie auch so wichtig ist. Was normal ist, wie normal etwas überhaupt definiert wird und weshalb es so vielen Jugendlichen wichtig ist als solcher angesehen zu werden und nicht als Randgruppe oder auch als sogenannten Freak, wird hier deutlich zur Sprache gebracht. Wieso sehen wir uns eigentlich danach um, wie sich andere verhalten? Weshalb ist uns die Meinung anderer so wichtig? Wieso wollen wir so sein wie alle anderen? Was ist so schlimm daran, gegen den Strom zu schwimmen? All diese Fragen wurden gestellt und durch den Verlauf der Geschichte auch ausgezeichnet herausgearbeitet. Mir gefiel es, wie immer wieder betont wurde, dass es gut ist, man selbst zu sein. Dass es wichtig ist, sich selbst zu mögen und man erst auf diese Art selbst Akzeptanz finden wird. Der Selbsthass und der Gedankenstrudel, in den sich unsere Protagonistin Evelyn immer wieder verstrickt, bringt wunderbar hervor, was für innere Konflikte viele Teenager austragen: Bin ich hübsch genug? Bin ich intelligent genug? Wird mich jemand mögen? Mag mich überhaupt jemand? Und die wichtigste Frage: Werde ich geliebt? Doch gerade beim letzten Punkt stieß bei mir schließlich große Kritik auf.

Feminismus

Feminismus bedeutet Gleichstellung. Es bedeutet nicht, dass ein Geschlecht besser oder schlechter ist. Dieser Satz sollte verinnerlicht werden. Denn es geht um nichts anderes. Allerdings schien die Schlechtredung der Männerwelt das große Hauptthema zu sein, während parallel die Frauenwelt in Lobeshymnen badete. Der Ansatz, mehr Frauen in den Vordergrund zu stellen, viele weibliche Protagonistinnen und auch Nebenrollen zu besetzen und so ein großes Gegengewicht zu erschaffen, mehr wichtige Themen an die Tagesordnung zu bringen und mal wirklich deutlich zu sagen, dass Frauen mehr können und großartig sind, wurde zunächst innerhalb der ersten Seiten schön zur Sprache gebracht. Doch danach begann die Tirade gegen die Männer.
Grundsätzlich – bis auf eine Ausnahme, zu der ich später noch kommen werde – wurden Jungs gedatet, die nur das Eine wollten: Unverbindlichen Sex. Und grundsätzlich wurden diese Jungs als die Bösen abgestempelt. Es erschien als existieren nur böse Jungs, die Mädchen hinters Licht führen wollen und liebe Mädchen, die sich nur in solche verlieben.

Ich lächelte in mich hinein: In meinem Bauch explodierte gerade eine metaphorische Packing Ahoi-Brause.
Evelyn | Was ist schon normal? | Holly Bourne | Seite 169

Konditionierung der Gesellschaft

In einem gewissen Ausmaß unterstütze ich den Punkt, dass die Gesellschaft uns Rollen auferlegt, die immer wieder von Medien und Menschen unserer Umgebung unterstützt werden und uns in Charaktere zwängen, die wir nicht sein wollen und müssen. Diese vorgemachten Bilder, die uns vermitteln sollen, wie wir sein sollen – sowohl als Frau als auch als Mann – sorgen dafür, dass jeder, der sich entgegen dieser Regel benimmt als unnormal oder verrückt betitelt wird.
Dass diese Geschlechterzuordnungen nicht richtig sind und unbedingt abgelegt werden sollten, ist ein wichtiger Wandel innerhalb unserer Gesellschaft, der unbedingt unterstützt werden sollte.
Allerdings nutzt die Autorin diese Geschlechterzuordnung als Ausrede dafür, weshalb wir uns zum anderen Geschlecht hingezogen fühlen. Oder überhaupt zu jemanden. (Keine Sorge andere Orientierungen folgen später noch). Also ich weiß ja nicht, wie das bei euch so ist, aber ich kann meine Gefühle nicht kontrollieren. Sie sind einfach da. So klassisch das klingen mag, aber Gefühle sind reine Chemie. Dabei spinnt sich mein Gehirn kein Bild zusammen, auf das ich stehe. Immerhin verlieben wir uns alle in unterschiedliche Menschen. Und ja, dabei muss derjenige sich nicht unbedingt perfekt benehmen. Doch Holly Bourne stellte heraus, dass wir Frauen durch gesellschaftliche Zwänge praktisch dazu veranlagt wären, uns in Badboys zu verlieben. Was? Und hier fand sich mein großes Problem mit dem Roman.
Ich weiß ja nicht, wie sich das bei euch in der Schule oder eurem fortlaufendem Leben so abspielte, doch ich kenne viele gute Männer. Wunderbare Männer, die liebevoll, humorvoll, unfassbar höflich und nett sind. In diesem Buch allerdings werden alle Männer als totale Bösewichte dargestellt. Sie wollen grundsätzlich nur Sex, vor allem unverbindlichen. Evelyn datet drei Jungs, von denen sie zwei nur ins Bett kriegen wollen. Dasselbe durchlebte auch ihre neugewonnene Freundin und Spinster Girl Lottie. Das ist so klischeehaft, dass mir zwischendurch die Haare zu Berge standen.
Einerseits will die Autorin vermitteln, dass Frauen stark sein sollen. Andererseits werden alle Männer über eine Schiene geschoben. Und genau das will der Feminismus nicht. Es gibt gute und schlechte Frauen und Männer!
Zwar wird zum Ende hin herauskristallisiert, dass die Geschlechterzuordnungen abgelegt werden müssen, allerdings wurde das derart nebensächlich abgehandelt, dass mir die Wichtigkeit dahinter deutlich fehlte. Es wurde zwar gesagt, dass jeder gleich behandelt und nicht vordefiniert werden sollte, dennoch wurde nicht herausgestellt, dass wir alle wirklich gleich sind. Es wurde wie eine Theorie in den Vordergrund gestellt, nicht wie etwas, was hier draußen wirklich passiert.

Evelyn und Oli

Ein einziger Mann hat es in die Front der Guten geschafft: Oliver. Oliver ist schüchtern. Und niedlich. Evelyn und er teilen sich dieselben Hobbys. Schließlich gehen sie auf ein Date. Da bringt Oli seine Eltern mit und Evelyn findet heraus, dass Oliver selbst psychisch erkrankt ist und es ihm schwerfällt, das Haus zu verlassen. Dass dadurch Evelyn, die selbst unter Zwangsstörungen leidet, gänzlich überfordert war und mit einem Partner, der auch krank ist, nicht umgehen kann, konnte ich voll und ganz verstehen. Zwar tat mir Oliver schrecklich leid, dennoch konnte ich nachvollziehen, dass Evelyn nicht stark genug war, seine Last ebenfalls zu tragen. Aber was dann kam…
Sie hat sich über ihn lustig gemacht! Hat allen von diesem Date erzählt. Jedoch nicht die Wahrheit. Sie hat nur erzählt, dass er seine Eltern mitgebracht hat. Nicht, dass er eine psychische Krankheit durchlebt. Wieso hat sie das gemacht? – Weil sie normal sein wollte. Ok. Kann ich zu einem gewissen Ausmaß auch nachvollziehen. Nicht verstehen, nicht billigen, aber durchaus nachvollziehen. Abgesehen davon ist sie noch 16 Jahre alt und Fehler kann schließlich jeder machen. Danach badet sie sich in ihrem schlechten Gewissen. Doch was mir seitens der Autorin an dieser Stelle gefehlt hat, ist die klare Herausstellung, dass auch Mädchen die Bösen sein können.

„Fragst du dich jemals, wie wir überhaupt entscheiden, wer verrückt ist und wer nicht? In der Welt gibt es so viel irres Zeug – ein einziges großes Chaos -, aber dann werden Leute, die damit nicht umgehen können, wahnsinnig genannt und in Filmen verarbeitet… aber was, wen sie einfach nur darauf reagieren, wie irre die Welt da draußen ist? Ist es nicht viel irrer, zu glauben, alles sei okay, wenn das doch eindeutig nicht so ist?“
Oli | Was ist schon normal | Holly Bourne | Seite 119

Auch Mädchen können schlecht sein. Auch sie können Jungs schlecht behandeln, die Fiesen sein, diejenigen, die sich danebenbenehmen. Dabei stellte Evelyn ihr Verhalten nicht einmal wieder gut. Ja, sicherlich, sie schreibt Oliver zum Schluss eine Nachricht und vermutlich soll das eine Andeutung an ihre Wiedergutmachung sein, aber dennoch: Sie hat sich falsch benommen und abgesehen von ihrem schlechten Gewissen, passierte rein gar nichts. Evelyn hätte an all den Hasstiraden, die ihre Spinster Girls Lottie und Amber über Jungs abgebrochen haben, auch ein einziges Mal einwenden können, dass Mädchen nicht viel besser sind, weil sie genauso schlecht gehandelt hat. Jeder kann schlecht handeln. Genauso kann auch jeder gut handeln. Es ist absolut nicht abhängig vom Geschlecht.
Und nicht nur Evelyn hat ein gewisses Fehlverhalten an den Tag gelegt: Lottie hat die Schwärmerei eines Jungen ausgenutzt, um an Alkohol zu gelangen. Und das ist vollkommen in Ordnung, weil…? Wenn allerdings ein Junge die Schwärmerei eines Mädchens ausnutzt, Gott bewahre, dann bricht eine Welle der Empörung aus.
Zudem fand ich es schade, dass der einzige Mann, der positiv dargestellt wurde, nur schütern/nett/liebevoll sein konnte, weil er unter einer psychischen Erkrankung litt. Wieso konnte kein lieber Bruder anstatt einer weisen Schwester eingebaut werden? Wieso kein bester Freund? Wieso nicht einfach irgendwelche männlichen Schulkameraden, die nett sind? Weshalb mussten alle Böse sein?

Sexistische Beleidigungen

Im Roman wird aufgegriffen, dass es einige Beleidigungen gibt, die ausschließlich Frauen runterziehen. Frauen, die mit vielen Männern schlafen, sind Schlampen. Frauen, die mit gar keinen Männern schlafen und Single sind, sind merkwürdige Katzenfrauen. In dem Zusammenhang fand ich es großartig, dass zunächst thematisiert wurde, weshalb überhaupt Geschlechter in diese degradierenden Rollen gesteckt werden und es gleichzeitig für das andere Geschlecht kein Pendant gibt.
Ich persönliche fluche nicht besonders viel. Ich rege mich gerne auf, benutze aber sehr ungerne Schimpfwörter, weil ich sie einfach albern finde. In diesem Roman wurde sehr deutlich eingeteilt, was in Ordnung ist und was nicht: Rauchen ist schlecht, Kiffen ist schlecht, Unverbindlicher Sex ist schlecht. Was gut ist: Alkohol! YEAH! ALKOHOL! Natürlich hat Evy einen Hangover erleben müssen, aber egal! ALKOHOL! PARTY! YEAH! Und: Fluchen! Hach, ist fluchen toll. Vor allem, wenn man Männer beleidigt, oder? Da kann man gerne zwischendurch Schwanzgesicht (!!!) raushauen. Oh, oder Titten. Was für ein schönes Wort. TITTEN! Klar, nenne ich meine Brüste Titten. Weil das Wort so wunderschön ist. Weil es gar nicht degradierend oder beleidigend klingt. Es ist richtig schön putzig.
Gerade in den Zusammenhängen fehlte mir eine klare Differenzierung und vor allem Klarstellung, dass es vollkommen in Ordnung ist, Dinge auszuprobieren, seine Grenzen zu testen und auch herauszufinden, welche Begriffe ok sind und welche nicht. Allerdings wurde hier mit zweierlei Maß gemessen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass Feminismus ausgelebt wurde, sondern eine neue Form der Unterdrückung, die ganz spezielle Ansprüche an den Tag legt: Frauen sind super, Männer nicht.
Neben der Geschlechterzuordnungen wurde natürlich auch die Beziehung zwischen Mann und Frau thematisiert. Dabei betonten die Protagonistinnen, dass sie Jungs generell richtig blöd finden und nicht über sie reden wollen, weil sie ja so super Feministinnen sind und im nächsten Moment überkommt sie ein schlechtes Gewissen und sie suchen verzweifelt nach Ausreden, um über Jungs zu reden. In dem Zusammenhang fehlte mir eine Aussage sehr deutlich: Redet worüber ihr wollt. Seid wer ihr sein wollt. Sei einfach du selbst und wenn du eine Stunde über deinen großen Schwarm reden willst, dann mach das. Nur, weil man sich verliebt, ist man nicht weniger Frau oder Feministin! Der Gesamtzusammenhang ergab sich dadurch, dass in Filmen Frauen oft Rollen erhalten, bei denen sie grundsätzlich nur Texte bekommen, die zum Inhalt Beziehungsdiskussionen oder Männer enthielten. Keine großen politischen Themen. Keine Themen, die den Film irgendwie trugen. Ja, das stimmt natürlich. Und es ist wichtig, das aufzuführen. Aber gleichzeitig spielte der Roman eben das vor: Die Mädchen denken nur an Jungs und müssen sich zwingen, nicht über sie zu reden. Sie erstellen sich Tagesordnungspunkte während ihrer Spinster Girls Meetings, in denen sie über andere wichtige Themen reden, wie das Weltgeschehen oder wichtige Frauenvorbilder. Es erweckt den Eindruck, dass Mädchen über nichts anderes reden können, es sei denn, sie nehmen es sich fest vor. Bis auf Evelyn übten sie auch keine wirklichen Hobbys aus, die ihren Charakter irgendwie gekennzeichnet hätte, bis auf den Punkt, sich über Jungs aufzuregen und sich dann darüber zu schämen, dass sie schon wieder über Jungs gesprochen haben. Als hätten sie keine anderen Gedanken im Kopf! Statt über andere Themen zu sprechen, sie wirklich zu thematisieren, reden sie darüber, dass sie nicht über Jungs reden wollen.

Das echte Leben

Mein größter Kritikpunkt bezieht sich darauf, dass nicht deutlich und neutral genug geschrieben wurde, dass es wichtig ist, man selbst zu sein. Ja, es wurde tatsächlich so ausgeschrieben, allerdings nicht in den Handlungen verkörpert.
Jeder will eine Beziehung. Und wer das nicht will, der hat dem anderen etwas vorgespielt.
Das ist das große Sinnbild des Romans. Wenn eine Person jemanden mag, dann muss sich daraus eine Beziehung entwickeln. Alles andere wäre super gemein, total fies und reine Hinterlist. Diese Darstellung von Beziehungen finde ich superschade. Niemand hat zu keinem Zeitpunkt irgendwem etwas vorgemacht. Kein Junge hat einem Mädchen erzählt, dass er sie liebt, nur um sie ins Bett zu kriegen. Sie haben sehr deutlich gesagt: Du, das ist eine lockere Sache. Und schon sind sie die Bösen. Wie kann man nur unverbindlichen Sex haben! So ein verdorbener Junge! Das geht aber nicht! – Ja, und warum genau nicht? In welchem Jahrhundert leben wir denn, dass ein SMS-Austausch gleichbedeutend mit einem Ehebündnis ist? Und wieso werden hier wieder nur Jungs als solche dargestellt, die eine lockere oder gar keine Beziehung wollen? Sehr klischeehaft werden hier die Mädchen als diejenigen hingestellt, die vom ersten Date in die große Liebe springen und die Jungs sind parallel grundsätzlich die, die sich dadurch total unter Druck gesetzt fühlen und panische Angst vor Bindungen haben.
Single-Dasein: Die pure Verzweiflung. Obwohl sie so sehr darauf pochen, dass sie keinen Mann im Leben brauchen, ist Amber unglaublich verbittert und verzweifelt, weil sie kein einziges Date abkriegt. Wieso musste sie so dargestellt werden? Warum konnte Amber nicht einfach ein zufriedener Single sein? Wieso muss sie deswegen gleich unausstehlich werden und superzickig sein? Ist es denn so schlimm?
Rockmusik, Kiffen, laute Musik und Rauchen: Das kann nur ein ganz furchtbar schlechter Umgang sein. Und da haben wir Guy! Unser Klischee-Badboy. Er ist Leadsänger einer Metalband, kifft und schläft mit vielen Mädchen. Geht es eigentlich noch klischeebehafteter? Wieso wird hier laute Musik direkt mit etwas Schlechtem in Verbindung gesetzt? Wieso muss jemand, der kifft, direkt Drogensüchtig und ein totaler Loser sein? Wieso ist Rauchen viel schlimmer als Alkoholkonsum? Wieso wird hier überhaupt zwischen Drogen differenziert, warum sind sie nicht allesamt gleichschlecht? Ich liebe zum Beispiel Rockmusik… bin ich deswegen jetzt irgendwie ein schlechterer Mensch? Weil ich laute Musik höre und auf Konzerte gehe? Und gleichzeitig liebe ich es auf der Couch zu sitzen, in vollkommener Stille und ein Buch zu lesen. Wieso geht nicht beides? Warum werden hier nur Stereotypen vorgestellt, die allesamt in Schublade X passen und nicht herausdürfen?
Ich finde es sehr schade, dass Feminismus auf diese Art ausgelegt wurde. Obwohl eigentlich Geschlechtern keine Rolle zugeordnet werden sollte, so wurde eben dies hier getan und zwar zum großen Nachteil der Männerwelt.

Evelyns Zwangsstörung

In John Greens Roman Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken wurde ebenfalls ein Jugendroman niedergeschrieben, in dem die Protagonistin unter einer Zwangsstörung leidet. Sie muss sich, genauso wie Evelyn, immer wieder Gedanken um Bakterien und Krankheiten machen und gerät aus diesem Kreislauf nicht heraus. Es ist ein Zwang, der für das gesamte Leben bleibt, der jedoch therapiert werden kann. Holly Bourne hat den Verlauf von Evelyns Krankheit und ihre Entwicklung unglaublich authentisch zu Papier gebracht.

Psychische Krankheiten packen dich am Bein und verschlingen dich trotz aller Gegenwehr mit Haut und Haaren. Sie machen dich selbstsüchtig. Sie machen dich irrational. Sie verpassen dir einen Tunnelblick. Sie machen, dass du in letzter Minute Verabredungen absagst. Sie machen dich langweilig. Sie machen, dass deine Gesellschaft wahnsinnig anstrengend wird.
Evelyn | Was ist schon normal? | Holly Bourne | Seite 91

Vor allem die Therapiestunden und ihr Drang zum Normalsein und schließlich die Thematisierung was überhaupt normal sein bedeutet, hat mir wahnsinnig gut gefallen und wurde mit viel Liebe zum Detail und mit einer wichtigen Botschaft niedergeschrieben. Ihre Krankheit ist mitunter der eindringlichste und wichtigste Aspekt dieses Jugendromans. Die Art, wie man als Leser auf diese Krankheit sensibilisiert wird und überhaupt die Möglichkeit zu haben, in ihre Gedankenwelt zu tauchen und zu verstehen, wie schwierig und mühsam dieses Leben ist, hat mich sehr berührt.
Zwar mochte ich die Darstellung in Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken etwas mehr und es wirkte auf mich auch weitaus authentischer, vor allem, da John Green diese Krankheit viel detaillierter und alltagstauglicher beschrieben hatte, dennoch erschuf uns Holly Bourne einen beeindruckenden Einblick in Evelyns Leben.

Sexuelle Orientierung

Etwas, was ich vollkommen unmöglich fand, war die Art, wie andere Orientierungen behandelt wurden. Zunächst benutzte der Bruder von Amber den Begriff Lesbe als eine Form der Beleidigung. Woraufhin sich Amber auch angegriffen und beleidigt gefühlt hat, gleich darauf jedoch abwehrend beteuerte, dass sie ja an sich nichts gegen Lesben habe, sie aber schließlich keine sei und deswegen der Begriff vollkommen unangemessen gewesen wäre. Natürlich ist es nicht schön, wenn einem eine Orientierung unterbreitet wird, die man nicht auslebt. Allerdings wäre es mir lieber gewesen, wäre das Thema gar nicht zur Sprache gekommen als in diesem Kontext. Es wirkte wieder vollkommen klischeehaft. Amber hat keinen Freund, deswegen ist sie bestimmt lesbisch, laut des Bruders. Und dasselbe haben auch ihre Freundinnen von ihr gedacht. Ah, ja, natürlich. Weil ja auch Lesben und Schwule grundsätzlich keinen Partner haben und man sie am Single-Dasein erkennt. Holly Bourne bezweckte mit dieser Szene wohl, ein Vorurteil beiseite zu räumen. Ich hingegen hatte eher den Eindruck, dass das Thema vollkommen unsensibel und lediglich beleidigend zum Ausdruck gebracht wurde, was mich unglaublich enttäuscht hat.

Spinster Girls

Der Grundgedanke der Spinster Girls begeisterte mich hingegen. Es ist ein schöner und wichtiger Punkt, der hier zur Debatte gebracht wurde. Mehr über Frauen zu reden. Mehr über Rechte für Frauen zu sprechen und generell die eigene Wichtigkeit mehr anzuerkennen. Allerdings entpuppten sich für mich diese Treffen vielmehr wie eine einzige Hasstirade gegen Männer.
Zum Ende hin ergab sich ein Treffen, welches mir am konstruktivsten und besten gefallen hat. Hier wurden klare Probleme und wirklich wichtige Themen hervorgebracht, die zum Nachdenken anregen und vor allem, die auch andere Lösungsansätze als Hass und Beleidigungen auslegen.
Natürlich muss bedacht werden, dass es sich bei Evelyn, Lottie und Amber um 16-Jährige handelt, die all diese Themen zunächst noch durchkauen müssen. Und selbstverständlich ist man auch gekränkt, durchlebt Liebeskummer und ist wütend auf Jungs. Jedoch hätte Holly Bourne nicht ausschließlich Bad Boys ans Tageslicht bringen und parallel unsere drei Girls wie Engel darstellen müssen.

„Was ist eine >Spinster< noch mal genau? Eine ältere unverheiratete Frau? Und da schwingt ja noch viel mehr mit. Im Märchen wär das die gruselige alte Jungfer, das Schreckgespenst, dank dem sich junge Mädchen schon klein auf davor fürchten, für Männer nicht attraktiv zu sein. Es bedeutet Ladenhüter. Es bedeutet vergeudetes Leben. Es bedeutet alte Schrulle, die nur für ihre Katzen lebt. Es bedeutet einsam und traurig und verbittert, nur, weil kein Mann einen will… Was, wenn wir den Spieß einfach umdrehen und den Begriff neu besetzen?“
Lottie | Was ist schon normal? | Holly Bourne | Seite 183

Fazit

Was ist schon normal? liefert eine gute Grundlage und viele wichtige Denkanstöße, die vor allem in jungen Jahren thematisiert werden sollten. Feminismus ist ein Thema, was noch viel bewirken wird und einen großen Umschwung bedeutet. Leider missfiel mir die Herangehensweise vor allem hinsichtlich der Geschlechterrollen und wie klischeehaft sie uns dargeboten wurden.


Hiermit endet mein Booktalk über Was ist schon normal? von Holly Bourne. Ich möchte zum Schluss noch einmal betonen, dass ich mit meinem Beitrag niemandem zu nahe treten möchte, dem dieser Roman gefallen hat. Bei diesem Beitrag handelt es sich lediglich um meinen persönlichen Leseeindruck und mein Empfinden. Über einen regen Austausch würde ich mich hingegen sehr freuen, auch und vor allem mit jenen, die diesen Roman gefeiert haben, da mich die Gegenseite wahnsinnig interessiert und ich mich mit diesem Beitrag gerne austauschen möchte.

Zum Schluss möchte ich mich beim dtv Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars bedanken!


Weitere Rezensionen

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LoveSarah

 

8 Antworten auf „Booktalk: Was ist schon normal – Spinster Girls | Holly Bourne

  1. Liebe Buchnachbarin,
    ich freue mich schon sehr darauf, eure ganzen Beiträge zu lesen, wenn ich das Buch gelesen habe, bisher ist es noch nicht da. Und ich bin schon sehr gespannt, ob ich dann die gleichen Kritikpunkte haben werde..

    Zwar habe ich den Beitrag nur überflogen, aber dennoch kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich es toll finde, dass du so ehrlich bist und dabei nicht gemein.

    SUPERLIEBE

    Gefällt mir

  2. Oh Sarah,

    ich fasse es gar nicht, dass ich deinen grandiosen Beitrag noch nicht kommentiert habe – shame on me!
    Wir haben uns ja schon reichlich ausgetauscht und auch, wenn mir nicht alle Punkte exakt genauso aufgetsoßen sind, kann ich mich dir einfach nur anschließen.
    Ich freue mich einfach, dass das Buch bei uns beiden für einen so regen Austausch gesorgt hat – ohne Kritikpunkte wäre das nur halb so interessant gewesen :)

    Liebste Grüße <3 deine Jill

    Gefällt 1 Person

    1. Liebste Jill,
      hihi, ja oder? Dieses Buch ist gerade durch die vielen Kritikpunkte auch so wichtig. Erst dann fängt man an, sich darüber Gedanken zu machen und sich gründlich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich wüsste nicht wie ich dieses Buch ohne unsere Unterhaltungen überlebt hätte, haha.
      Alles Liebe,
      Sarah

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