Rezension: Vom Ende der Einsamkeit

Benedict Wells. Es ist ein Name, der bereits seit Jahren in den Literaturkreisen kursiert. Seine Werke sind poetisch. Sein Schreibstil tiefgründig und einnehmend. Sein Name spricht Bände und lässt bereits erahnen, dass etwas Großes auf einen wartet, wenn man die ersten Seiten aufschlägt. Vom Ende der Einsamkeit ist der erste Wells, den ich gelesen habe. Und binnen weniger Seiten wurde er Teil meiner Lieblingsautoren. Die Art wie er die Menschheit versteht und dies mit einer beeindruckenden Leichtigkeit und vor allem Verständlichkeit zu Papier brachte, berührte mich während der gesamten Geschichte hinweg. Durchweg hatte ich das Gefühl von Benedict Wells als Mensch verstanden zu werden.

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Fakten

Titel:  Vom Ende der Einsamkeit | Autorenname: Benedict Wells | Seitenanzahl: 368 | Verlag: Diogenes Verlag | Preis: 13,00 € TB | 22,00 € HC | ISBN: 978-3-257-06958-7 | Sprache: Deutsch | Erworben: Selbst gekauft


Inhalt

Jules und seine beiden Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen. Als Erwachsene glauben sie, diesen Schicksalsschlag überwunden zu haben. Doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein. Ein berührender Roman über das Überwinden von Verlust und Einsamkeit und über die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist. Und vor allem: eine große Liebesgeschichte. [Diogenes]


Lesezeit

Tiefgründig, trist und hoffnungsvoll zugleich.

Der Titel lässt bereits erahnen, dass die Lektüre keine einfache wird. Dass der Autor uns etwas Trauriges und zugleich auch Hoffnungsvolles vermitteln will. Der Titel bedeutet, dass wir von Einsamkeit erfahren werden, jedoch auch, wie diese sein Ende gefunden hat, was etwas Licht in all der Dunkelheit erahnen lässt. Es ist kaum zu glauben wie ein Titel so treffend die Stimmung und die Aussage eines Romans so perfekt wiedergeben kann und den Leser gleichzeitig unfassbar neugierig stimmt, zu erfahren, was eigentlich passieren wird.

Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.
– Jules | Vom Ende der Einsamkeit | Benedict Wells

Der Schreibstil ist durchweg vorahnend. Über den gesamten Roman hinweg hatte ich das Gefühl, mich zwischen zwei Stadien zu befinden: Die Ruhe vor dem Sturm und dem Sturm selbst, um dann wieder der Ruhe vor dem Sturm zu verfallen. Stets war einem bewusst, dass die eigentliche nächste Katastrophe auflauert und darauf wartet, einen mitzureißen oder niederzuschmettern. Und genau dieses Gefühl drückte der Verlauf stetig aus und ließ einen die Geschichte mit Spannung und gleichzeitiger Erwartung lesen. Was geschieht als nächstes? Welches Unglück sucht uns jetzt Heim? Und wann finden wir schließlich das Ende jener Einsamkeit?

„Jules, du siehst immer jemanden in mir, der ich nicht bin.“ „Nein, andersrum. Du bist jemand, den du nicht siehst.“
– Alva | Vom Ende der Einsamkeit | Benedict Wells

Die detaillierte Entwicklung der Protagonisten und die Art und Weise wie die Umwelt auf diese Einfluss nahm, zeigte deutlich, wie genau sich Benedict Wells mit der menschlichen Psyche, jedoch auch mit den Charaktereigenschaften und dem Leben seiner Figuren auseinandersetzte. Es faszinierte mich, wie jede Erinnerung, jede noch so unscheinbare Handlung der Vergangenheit, Einfluss auf das spätere Leben genommen hat und eine Tragweite erhielt, die zunächst kaum merkbar im Hintergrund ablief.

Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind, dachte ich. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.
– Jules | Vom Ende der Einsamkeit | Benedict Wells

Die zeitlichen Sprünge verliehen dem Verlauf eine gewisse Melancholie. Dadurch, dass einem bewusst wird, wie lange der Protagonist mit seiner eigenen Geschichte zu kämpfen hat, gewinnt der Roman fortan mehr an einer gewissen Traurigkeit. Und obwohl stets eine Vorahnung die nächsten Geschehnisse ankündigt, so genießt man als Leser immer wieder die lichten Momente, die die Geschichte mit Freude füllen, auch wenn einem sehr genau bewusst ist, dass sie nur von kurzer Dauer sein wird.

Ich hätte es damals nicht so klar formulieren können, aber in meinem Inneren ahnte ich, dass ich vom Weg abgekommen war. Das Problem war nur, dass ich nicht wusste, wann und wo. Ich wusste nicht mal mehr, von welchem Weg.
– Jules | Vom Ende der Einsamkeit | Benedict Wells

Die Gedankenspielereien und das Hinterfragen des gesamten Lebens, haben mir mitunter am besten gefallen. Die tiefgründigen Auseinandersetzungen bewegen einen selbst, sich mit dem eigenen Leben zu beschäftigen und auf einzelne Aspekte überhaupt erst wirklich Aufmerksam zu werden. Benedict Wells regt den Leser zum Nachdenken, Mitfühlen und Hinsehen an. Kleinigkeiten wachsen zu großen Ereignissen heran und lassen einen selbst spüren, wie viel Wert eigentlich das eigene Leben und die einzelnen Etappen der Vergangenheit, aber auch der Zukunft in sich tragen.

„Und ich möchte, dass du mein Trauzeuge bist.“
„Trauzeuge? Nimmt man da normalerweise nicht jemanden, den man mag?“
„Ich dachte, ich mache für dich eine Ausnahme.“
– Jules | Vom Ende der Einsamkeit | Benedict Wells

Der Humor von Wells ertappt einen unerwartet und sehr trocken. Die einzelnen Passagen tauchten so unvorbereitet auf, dass sie einen umso geschickter aus der Reserve lockten und die eigene Stimmung schlagartig besserten. Es war gar nicht anders möglich, als in das Lachen und die schönen Augenblicke der Protagonisten miteinzusteigen. Die witzigen Dialoge erschienen dadurch natürlich und fädelten sich wie selbstverständlich in die Handlung mit ein, ohne aufgesetzt zu wirken. Das gesamte Leben, was Wells zwischen diesen Buchdeckeln schilderte wirkte so real und wie aus dem Jetzt gegriffen. Er beschrieb diese Geschichten so authentisch, dass es mich nicht überraschen würde, Jules, Marty und Liz irgendwo wirklich anzutreffen. Sie sind Menschen, wie wir. Und Benedict Wells hat ihr ganzes Sein vom ersten bis zum letzten Moment vollständig verinnerlicht und mit einer poetischen Schreibkunst niedergeschrieben.

Es gab Dinge, die ich nicht sagen, sondern nur schreiben konnte. Denn wenn ich redete, dann dachte ich, und wenn ich schrieb, dann fühlte ich.
– Jules | Vom Ende der Einsamkeit | Benedict Wells

Fazit

Vom Ende der Einsamkeit erzählt eine Geschichte über das Leben, über Glück und Unglück, Schicksal und Zufällen. Es ist eine Geschichte wie sie in jedem von uns innewohnt und einem während des Lesens das Gefühl gibt, auf eine tiefe Ebene verstanden zu werden. Dabei durchleuchtet Benedict Wells die Stadien des Lebens, über Liebe, Verlust, Trauer und Freude, in ganz unterschiedlichen Reihenfolgen und Schicksalsschlägen, die einen selbst das eigene Leben besser verstehen und zu schätzen wissen lässt. Mit seinem Verständnis für das Leben und den Sinn dahinter spricht Vom Ende der Einsamkeit eine wichtige Botschaft über unsere Gegenwart aus.

Soulmate


Weitere Rezensionen

Kielfeder | Livricieux


LoveSarah

15 Antworten auf „Rezension: Vom Ende der Einsamkeit

  1. Das ist deine Meinung. Ich bin sicher, das man anders darüber denken kann. Ich habe mir deinen Blog angesehen und bin über ein paar sehr interessante Dinge „gestolpert“. Die Magie hier finde ich bezaubernd. Zum Wohlfühlen, zum Verweilen, zum Nachdenken.

    Gefällt 2 Personen

  2. Sali, Sarah.
    Anmerkenswert – die Cover & Titel der Bücher liessen mich spontan an die Romane von Susan E. Hinton zurückdenken. Schullektüre damals, aber meine Erinnerung an Geschichten & Figuren sind wesentlich geblieben (yep & ich habe die Bücher immer noch!)

    „Der Schreibstil ist durchweg vorahnend“ – eine unkonventionelle, eine merkwerte Formulierung. Lese ich gerne, weil wie ein neues Gewürz in der Mahlzeit (die eine Besprechung so nebenbei ist).

    „Schreiben ist das Segeln der eigenen Gefühle – die den Wind suchen, die Freiheit zu finden.“
    (Imogene Narvaile)

    bonté

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Robert,
      ich muss gestehen, dass mir Susan E. Hinton absolut nichts sagt, ich sie mir jedoch genauer ansehen werde.
      Wie ein neues Gewürz in der Mahlzeit… ein interessanter Vergleich.
      Wie immer ein wunderbares Zitat, welches gerade mit dem letzten aus dem Roman perfekt übereinstimmt.

      Alles Liebe,
      Sarah

      Gefällt mir

      1. …solltest Du die Jugendfilme ‚The Outsiders‘ oder ‚Rumble Fish‘ gesehen haben, dann kennst Du Susan E. Hinton bereits. In den frühen 80’ern wurden einige Ihrer Romane bestens verfilmt.

        bonté

        Gefällt mir

  3. Oh Sarah,

    nun ist es auf jeden Fall um mich geschehen!
    Bisher dachte ich immer, dass die Bücher von Benedict Wells vielleicht nicht unbedingt Pflichtlektüre für mich wären, nach deiner leidenschaftlichen begeisterung muss ich das alles wohl aber gründlich überdenken!
    Ich danke dir vielmals für diesen wundervollen Einblick.

    Liebste Grüße <3 Jill

    Gefällt mir

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