Rezension: Die Wahrheit über das Lügen

Nachdem ich Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells am vergangenen Wochenende beendete, kam ich nicht umher direkt mit seinem aktuellen Werk Die Wahrheit über das Lügen fortzufahren. Sein Schreibstil und die triste Atmosphäre haben es mir fortweg angetan und sogen mich mit jeder weiteren Geschichte auf. Anfangs war ich noch davon ausgegangen, dass ich mir die Geschichten aufteilen würde, einige vielleicht für besondere Momente aufbewahre, doch weit gefehlt: Wells Geschichten machen süchtig, mehr über diese Gedankenwelten zu erfahren. 

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Fakten

Titel:  Die Wahrheit über das Lügen | Autorenname: Benedict Wells | Seitenanzahl: 256 | Verlag: Diogenes Verlag | Preis: 22,00 € HC | ISBN: 978-3-257-07030-9 | Sprache: Deutsch | Erscheinungstermin: 29. August 2018 | Erworben: Rezensionsexemplar*


Inhalt

Es geht um alles oder nichts in diesen Geschichten. Sie handeln vom Unglück, frei zu sein, und von einer Frau, die vor eine existenzielle Entscheidung gestellt wird. Von einem Ort, an dem keiner freiwillig ist und der dennoch zur Heimat wird. Von einem erfolglosen Drehbuchautor der Gegenwart, der in das New Hollywood des Jahres 1973 katapultiert wird und nun vier Jahre Zeit hat, die berühmteste Filmidee des 20. Jahrhunderts zu stehlen. Und nicht zuletzt eine Erzählung aus dem Universum von ›Vom Ende der Einsamkeit‹, die Licht auf ein dunkles Familiengeheimnis wirft.

Zehn höchst unterschiedliche Geschichten aus einer Welt, in der Lügen, Träume und Wahrheit ineinanderfließen. Mal berührend, mal komisch, überraschend und oft unvergesslich. [Diogenes]


Lesezeit

Besonders anders, tiefgründig und ergreifend erdrückend.

Kurzgeschichten in einem Sammelband spiegeln ein Sammelsurium von Überraschungen wieder. Zudem noch zusammenhanglose Kurzgeschichten, die innerhalb von zehn Jahren ihre Wurzeln finden und so dem Leser einen Einblick in die schriftstellerische Entwicklung von Benedict Wells geben, lösen eine gewisse Faszination aus.

Da wir als Kinder nichts davon begriffen, weder den Krieg noch die >ehemalige DDR< noch die Probleme zu Hause, spielte das alles keine Rolle für uns. Wir schliefen zu sechst in einem Zimmer, für Fremdheit gab es ohnehin keinen Platz.
Die Wahrheit über das Lügen | Benedict Wells

Die beachtlichen Unterschiede zwischen den Geschichten, ließen mich nach jeder einzelnen erst einmal pausieren, um das Geschehene zu begreifen. Es ist wie ein Durchgang in einem Museum mit Kunstwerken unterschiedlicher Maler: Jeder vermittelt einen anderen Moment, eine vollkommen andere Geschichte und lösen dadurch gänzlich andere Gefühle und Regungen im Betrachter aus. Genauso erging es mit mir Wells Kurzgeschichten. Viele trugen zwar als Gemeinsamkeit die Tristheit in sich, dennoch erzählten sie stets über andere Bedeutungen, Wendungen und Wichtigkeiten des Lebens.

Ein Kind sieht nicht den bröckelnden Putz an den Wänden, sondern den Automaten daneben, an dem man für siebzig Pfennig Kakaotüten ziehen kann.
Die Wahrheit über das Lügen | Benedict Wells

Wie bereits aus Vom Ende der Einsamkeit gewohnt, betrachtet Wells auch hier die menschliche Entwicklung gänzlich unterschiedlicher Leben und Menschen. Es ist beeindruckend wie er es vollbringt, ganze Leben in wenigen Seiten zu Papier zu bringen und daraus eine bewegende und vor allem tiefsinnige Geschichte zu kreieren. Und das immer und immer wieder. Nicht eine Kurzgeschichte ließ mich kalt, gelangweilt oder gar enttäuscht zurück. Jede wühlte in mir Erinnerungen, tiefe Gefühle und vor allem eine beachtliche Nachdenklichkeit aus, sich mit dem Geschehenen auseinandersetzen zu wollen.

Manche Menschen sterben, ohne zu begreifen, dass sie sterben müssen.
Die Wahrheit über das Lügen | Benedict Wells

Am meisten gefiel es mir, wie viel Spielraum Wells dem Leser selbst bei der Interpretation lässt. Er verrät nicht alle Andeutungen, löst nicht alle Konflikte und lässt uns die Möglichkeit, selbst herauszufinden, was wohl mit den Protagonisten geschehen ist, welche Ereignisse wie wichtig waren oder welche Bedeutung dieser oder jener Symbolik anzumessen sei. Dadurch beschäftigen einen die Geschichten von Benedict Wells auch noch lange nachträglich und lassen einen nicht mehr los.

Und nun war er neununddreißig Jahre alt und kaum schlauer als mit fünfzehn oder mit siebenundzwanzig.
Die Wahrheit über das Lügen | Benedict Wells

Fazit

Benedict Wells in diesen Kurzgeschichten wiederzusehen, hat eine angenehme, belustigende und wie nicht anders zu erwarten trübe Atmosphäre hinterlassen. Der Autor versteht es, den Leser zum Nachdenken anzuregen, ihn durch die Wendungen zu erschüttern und die Wege des eigenen Lebens genauer zu reflektieren. Durch seine Wahl, nie alles zu offenbaren und dem Leser Raum zum Denken zu überlassen, tragen die Geschichten immer einen gewissen Nachgeschmack in sich, der einen noch länger verfolgen wird.

Soulmate


Weitere Rezensionen

… folgen noch


LoveSarah

 

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung meines Rezensionsexemplares!

6 Antworten auf „Rezension: Die Wahrheit über das Lügen

  1. Yum tuv, Sarah.
    Längerer twitch-Mittwochabend, deshalb bemühe ich (als Einstieg) einmal nur ein Zitat…
    „Die kurze Form einer Geschichte mag die Version sein, die Wahrheiten in ihr am nahesten kommt. Denn, seien wir ehrlich, je länger erzählt wird, umso größer dräut jede Versuchung auzuschmücken. Phantasie gibt sich nicht mit dem Wenigen ab.“
    (Gaelle Mutin-Mutisme)

    Details, wenn ausgeschlafen… 😎

    bonté

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  2. Liebe Sarah,

    ich liebe es jedes mal aufs Neue deine Texte zu lesen.
    Nicht nur, weil man sofort merkt, wieviel Leidenschaft und Intelligenz sie enthalten, sondern weil sie mir ein Gefühl vermitteln, was mich erahnen lässt, was in der jeweiligen geschichte auf mich zukommen würde.
    Und darauf freue ich mich jetzt schon!

    Liebste Grüße <3 Jill

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  3. Dia dhuit, Sarah.
    Ein stimmiger Vergleich: Vor ausgewählten Bildern eines gut besuchten Museums könnte man/frau für Teile von Ewigkeiten verweilen, um sie aufzunehmen. Danach, ein Innehalten. Allein um das Folgende würdigen zu vermögen.

    Figuren in wenigen Sätzen zu skizzieren, den Lesern vertraut zu machen, ist die Kür der Kurzgeschichte. Mit eine meiner ersten Einsichten, als im Deutschunterricht entsprechende Shorties erarbeitet wurden.

    Wie gesagt, mich wundert, daß Kurzgeschichten nicht weitaus begehrter angenommen sind.

    bonté

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  4. Liebe Buchnachbarin,
    eine wundervolle Rezension <3 Ich lese deine Texte unheimlich gerne, egal welcher Art sie sind.
    Ich kann dir nur zustimmen, seine Geschichten bleiben im Kopf und regen zum Nachdenken an, auch nachhaltig.

    Ich freue mich schon jetzt auf jedes weitere Buch von ihm.

    SUPERLIEBE

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