Rezension: Ich wollte Liebe und lernte hassen!

Ich wollte Liebe und lernte hassen weckte mein Interesse allen voran deshalb, da uns in diesem Buch ein Lebensbericht antrifft. So erschütternd, so finster und schrecklich, dass ich den Roman immer wieder beiseite legen musste, um all das, was dem Verfasser widerfahren ist, überhaupt verarbeiten zu können. 


Fakten

Titel:  Ich wollte Liebe und lernte hassen! | Autorenname: Fritz Mertens | Seitenanzahl: 363 | Verlag: Diogenes Verlag | Preis: 16,00 € Taschenbuch | ISBN: 978-3-257-30053-6 | Sprache: Deutsch | Erscheinungstermin: 25. April 2018 | Erworben: Rezensionsexemplar*


Inhalt

Fritz Mertens hat zwei Menschen ermordet. Um die Frage nach dem Strafmaß zu beantworten, soll er seinen Lebenslauf niederschreiben. Sein Bericht ist das bewegende Dokument eines kollektiven Versagens: eine Kindheit, gekennzeichnet durch Krankheit und Misshandlung, die Suche nach Verständnis und die immer wieder darauf folgende Enttäuschung. Ein Buch über das sensible Terrain des kindlichen Gemüts, auf dem wir uns mit aller Vorsicht bewegen müssen. [Diogenes]


Lesezeit

Markerschütternd, schrecklich und wichtig.

Als ich begann, Fritz Mertens Geschichte zu lesen, wusste ich noch nicht so recht, was auf mich zukommen wird. Das Cover mit dem gespaltenen Gesicht lässt bereits auf einen inneren Konflikt, auf ein zwiegespaltenes Leben, schließen und ebenso auf das junge Alter unseres Autors während seiner Verurteilung. All das weckte mein Interesse und unterbreitete bereits eine böse Vorahnung, dass diese Geschichte keine leichte Lektüre sein wird. Der Inhalt entpuppte sich allerdings als so erschreckend, fürchterlich grausam  und unfassbar brutal, dass es mich mit der Zeit selbst während des Lebens beklemmte und mit in den Abgrund riss, in dem sich Mertens immer wieder finden musste.

Wir gehen ein großes Eis essen, und jetzt sei tapfer und weine nicht, ein Mann darf nicht weinen, das sieht nicht gut aus.
– Vater |  Fritz Mertens | Ich wollte Liebe und lernte hassen | Seite 46

Mit dem Begriff Mörder assoziieren wir einen Bösewicht. Einen schrecklichen, grausamen Menschen, der eine unverzeihliche Tat begangen hat. Doch wie kommt es überhaupt dazu, dass jemand zum Mörder wird? Was geschieht mit einem? Was für ein Leben hat dieser Mensch hinter sich, wie konnte es überhaupt so weit kommen? Dass sich Menschen nicht in Schubladen einordnen lassen und Stereotypen hinter Begriffen nicht den Charakter und das Leben dahinter preisgeben, beweist gerade diese Geschichte. Dieser Lebensbericht, wie es auf dem Cover heißt.
Dass es direkt aus der Feder von Fritz Mertens stammt, wird sehr schnell durch den Schreibstil erkenntlich. Zunächst ist die etwas unstete Art zu formulieren recht gewöhnungsbedürftig und lässt einen während des Lesens zu Beginn häufig stocken, allerdings unterstreicht der Schreibstil und die Begriffswahl die Authentizität dieser Geschichte. Durch die Hektik, die immer wiederkehrenden Wörter und Schreibfehler -damit sind keine Tippfehler gemeint, sondern Rechtschreibfehler, die in seiner Sprache miteinfließen, wie beispielsweise die Verwendung von Öfters und Einzigste-, die seinen Sprachgebrauch prägen und die nackten Gedanken, die Mertens mit uns teilt, kriecht einem die Geschichte Seite um Seite unter die Haut. Das Wissen, dass diese Geschichte tatsächlich so geschehen ist, ließ immer wieder ein Schaudern, Gänsehaut und ein gewisses Unwohlsein in mir zurück.

„Die Welt ist schon eine komische Gesellschaft, so wie deine Eltern zum Beispiel.“ „Ja meine Eltern sind schon ein wenig komisch, aber vielleicht sind alle Erwachsenen, die Kinder haben, so komisch.“
Fritz und Sonja | Fritz Mertens | Ich wollte Liebe und lernte hassen! | Seite 79

Die Kindheit, die Fritz Mertens durchleben muss, ist grausam, unterdrückend und von Gewalt geprägt. Die Vielfalt an Details und die Anzahl der Geschehnisse, die ihm widerfahren sind, lässt nur wage darauf schließen, wie sehr ihn all diese Momente aus seiner Kindheit und Jugend weiterhin verfolgen und sein gesamtes Leben einnehmen. Die Angst, die ihn mit jedem Tag verfolgte und die Verzweiflung, die ihn mit jedem weiteren Rückschlag erfasste, fesselte mich und ich ertappte mich nicht selten dabei, Angst zu empfinden und die nächsten Seiten zu fürchten. Aufgrund der direkten Art wie Mertens sein Leben schildert, uns mit der Wahrheit keineswegs verschont, es nicht beschönigt, sondern gnadenlos zu Papier bringt, was ihm alles widerfahren ist, ohne, dass er damit Mitleid erregen möchten, sondern mit einer erschreckenden Nüchternheit sein Leben schildert und wiedergibt, ließ mich vermehrt wundern, wie jemand so einer geplagten Vergangenheit überhaupt entkommen kann.

„Ich glaube, ich habe nie etwas richtig gemacht in meinem Leben, immer war etwas dabei, was falsch war.“
-Fritz | Fritz Mertens | Ich wollte Liebe und lernte hassen! | Seite 126

Sein Lebensbericht ist keineswegs eine Rechtfertigung für seine Tat. Es ist ein Rückblick auf ein Leben voller Ungnade. Es ist wichtig zu wissen, dass es solche Vergangenheiten gibt. Es ist beeindruckend, dass Mertens so viel von seinem Innersten preisgibt. Seine gesamte Kindheit. Alle hässlichen Momente und die wenigen schönen dazwischen. Diese Ehrlichkeit lässt hoffen, dass wir die Augen offenhalten und nicht wegsehen, wenn wir sehen, wie Leben zerstört werden. Gerade die Mitmenschen, die Fritz Leben immer wieder bezeugten und nicht eingriffen, erschütterten mich und ich wunderte mich, wie niemand einschalten konnte, wie niemand in sein Leben eingriff und ihn aus diesem Elend befreite.

Ich fragte mich, ob Liebe wirklich so grausam sein kann, dass ein Mensch jemanden lieben kann und ihn trotzdem töten würde für das, was er einem angetan hat.
-Fritz | Fritz Mertens | Ich wollte Liebe und lernte hassen! | Seite 310


Fazit

Fritz Mertens Geschichte zu lesen, hat mich tief berührt, mitgerissen und nicht selten schockiert. Es ist unglaublich wichtig um dieses Leben zu wissen, was ihn zu dem Menschen werden ließ, der zu zwei Morden fähig war. Seine Vergangenheit ist von Grausamkeiten geprägt und sein Mut dieses Leben zu Papier zu bringen und weiterzuerzählen, lässt hoffen, dass wir die Augen offenhalten, um bei solchen Taten nicht wegzuschauen, sondern einzuschreiten.

lover

Weitere Rezensionen

Letterheart | Buchperlenblog  |  Travlin‘ Bone  |


 

LoveSarah

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung meines Rezensionsexemplares!

8 Antworten auf „Rezension: Ich wollte Liebe und lernte hassen!

    1. Liebe Anna,
      das Buch ist mir bereits bei Jill aufgefallen. Ich wusste bereits, dass es recht heftig zugehen wird, dennoch bin ich durch den Inhalt und vor allem dem Hintergrund, dass all dies wirklich geschehen ist, weiterhin schockiert. Es lohnt sich definitiv zum Buch zu greifen und sich seine Geschichte durchzulesen. Ich bin sehr gespannt, was du sagen wirst!

      Alles liebe,
      Sarah

      Gefällt 1 Person

  1. Hallo Sarah!

    Wow! Das klingt wirklich krass! Ich finde, du hast eine richtig gute Rezension verfasst! Und diesmal habe ich nicht nur das Fazit gelesen, wie ich es sonst immer tue, denn ich weiß, dass ich dieses Buch nicht lesen werde. Trotzdem war ich neugierig und wollte wissen, was du darüber denkst.
    Ich bin der Meinung, wegsehen ist niemals eine Option. Und doch tun wir es viel zu häufig. Schämen wir uns einzuschreiten? Denken, dass es uns nichts anginge? Ich vermute schon …
    Dieses Buch klingt sehr erschütternd, mitreißend und ich denke, dass es einen noch eine ganze Weile begleitet, oder?

    Liebste Grüße,
    Wiebi

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  2. Kia ora, Sarah.
    Schön Dich wieder zu lesen (erstaunlich wie schnell einem ein Blog fehlt!)!
    Dies nur kurz zur Wortmeldung (die Hausarbeit wartet 🙂). Später en detail…

    „Der getretene Mensch zerbricht zum Elend, oder er läßt andere dafür zerbrechen. Es ist ein Kreis, der einzig Verlierer kennt; dennoch drehen sich die Kreise, neu in jeder Generation. Wir hören den Schrei nach Hilfe…hören wir wirklich!?“
    (Myrelle Minotier)

    bonté

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  3. Hoi, Sarah.
    Weil das Thema mitten in ein Herz trifft, habe ich ein wenig nach einem Zitat gesucht…
    „Grausamkeit kennt Opfer & Täter. Die Opfer sind wehrlos. Die Täter allerdings ihrer Grausamkeit augenblicklich bewußt. Erlittene Grausamkeit rechtfertigt nicht, Grausamkeit selbst zu verüben.“
    (Éliette Dahrtóbe)

    😔

    bonté

    Gefällt mir

  4. Liebe Buchnachbarin,
    ich habe deine Rezension nun nur überflogen, aber das was ich gelesen habe konnte mich auf jeden Fall sehr neugierig machen. Das Buch hatte ich ja schon bei Jill entdeckt, anscheinend muss auch ich es bald mal kaufen & lesen :)
    Die Thematik klingt sehr düster, aber auch total spannend.

    LIEBE

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