Rezension: Slow Horses

Die Idee hinter dem Titel faszinierte mich vom ersten Moment da ich von diesem Roman gehört hatte: Ausrangierte Agenten des MI5 werden an einen Ort verfrachtet, der sich den weniger ehrwürdigen Namen Slough House eingehandelt hat, dessen Mitarbeiter als Slow Horses bezeichnet werden. Sie sollen niedere Tätigkeiten erfüllen, obwohl sie einst bei den Großen mitgespielt haben. Doch wie lange kann Ehrgeiz und der Wille, etwas wichtiges bewirken zu wollen, unterdrückt werden? Auch dieses Buch habe ich gemeinsam mit Jill und Nicci gelesen, was dem ganzen noch einen zusätzlichen Nervenkitzel verleiht hat. 


Fakten

Titel:  Slow Horses | Autorenname: Mick HerronSeitenanzahl: 480 | Verlag: Diogenes Verlag | Preis: 24,00 € Hardcover | ISBN: 978-3-257-07018-7 | Sprache: Deutsch | Erscheinungstermin: 29. August 2018 | Erworben: Rezensionsexemplar*


Inhalt

River Cartwright ist ein ausgemusterter MI5-Agent, und er ist es leid, nur noch Müllsäcke zu durchsuchen und abgehörte Telefonate zu transkribieren. Er wittert seine Chance, als ein pakistanischer Jugendlicher entführt wird und live im Netz enthauptet werden soll. Doch ist das Opfer der, der er zu sein vorgibt? Und wer steckt hinter den Entführern? Die Uhr tickt, und jeder der Beteiligten hat seine eigene Agenda. Auch Rivers Chef. [Diogenes]


Lesezeit

Fesselnd, zynisch, unglaublich humorvoll mit grandiosen Charakteren.

Zu Beginn begeisterte mich bereits der humoristische Schreibstil, mit dem Mick Herron den Leser nicht selten durch zynischen Bemerkungen überraschte und so aus diesem Thriller einen fesselnden Unterhaltungsroman gestaltete, der dennoch durch packende und zum Teil brutale Momente den Thrill keineswegs außer Acht ließ.

In Bahnhöfen herrschte immer diese Atmosphäre verhaltener Bewegung. Eine Menge glich einer drohenden Explosion. Menschen waren Fragmente. Sie wussten es nur noch nicht.

In Slow Horses werden uns eine Vielzahl an Charakteren unterbreitet, die jeder für sich ihren Moment erhalten, um ihre Geschichte zu erzählen. Die Art wie Mick Herron den Charakteren Raum verleiht, fand ich mitunter am sonderbarsten. Es ist untypisch für einen Thriller, so vielen Personen eine sprechende Rolle zu verleihen. Die Anzahl an Perspektiven war beeindruckend, auch wenn es zu Beginn vielleicht noch mühsam war, allem wirklich aufmerksam folgen zu können, ohne sich dem Lesefluss vollkommen hinzugeben, so entwickelte sich gerade diese Charakterintensität zu dem Punkt, der im Leser die Emotionen triggerte. Mit der Zeit fieberte und fühlte ich mit jedem mit, über den nähere Informationen und Teile der Vergangenheit offenbart wurden. Doch Mick Herron nutzte die unterschiedlichen Protagonisten nicht, um Füllmaterial für seinen Thriller zu erschaffen: Jede Geschichte sollte sich schließlich dem roten Faden fügen und einen Anteil an des Rätsels Lösung innetragen.

Die meisten von uns glaubten, dass manche Dinge nur anderen zustoßen. Die meisten von uns glauben, dass der Tod so etwas ist.

Dass der Autor Humor hat, bewies er mit jeder Zeile, die er niederschrieb. Britischer Humor sickert hier durch jede Unterhaltung und als Leser ist man geradezu genötigt, diesen Humor anzunehmen. Ein Schmunzeln ist unabdingbar. Dabei bewirken gerade die zynischen Bemerkungen, dass die Charaktere realistisch auftreten und einem durch ihre teilweise überspitzte Art nicht mehr aus dem Kopf gehen. Die Dialoge verliehen dem Roman vorrangig seine Lebendigkeit und sorgten für den größten Unterhaltungswert. Allen voran konnte Jackson Lamb so seine Bühne nutzen und vollbrachte die gewieftesten Kontersprüche, die einem überhaupt durch die Gedanken kommen könnten.

Und mehr war nicht nötig, um in einer Welt von Geheimnissen und Legenden Jackson Lambs neuem Reich einen Namen zu geben: Das Drecksloch, ein Ort von Gelb- und Grautönen, wo einst alles schwarz und weiß war.

Neben dem Humor, sickerte unter anderem wohl eine kleine Vorliebe der Harry-Potter-Reihe durch. Vielleicht ist es in London wiederum auch kaum möglich, nicht an den Zauberlehrling zu denken: Hier und dort zog Herron Vergleiche und versteckte kleine Hinweise, die auf die Fantasyreihe hindeuten, ohne jedoch, dass es dem Thriller dadurch an Realismus oder Spannung abtat. Im Gegenteil: Für mich persönlich machte es gerade den Autor zum einen unfassbar sympathisch und zum anderen gliederte er diesen Roman unserer Welt mit aktuellen Themen an, nicht nur hinsichtlich der kleinen Harry-Potter-Momente, sondern auch durch Nachrichten und Rückblicke in politisches Geschehen.

Jemand hatte einmal bemerkt, er sähe aus wie ein heruntergekommener Timothy Spall, der Schauspieler, der den Wurmschwanz in den Harry-Potter-Filmen verkörperte, was die Frage aufwarf, wie ein nicht-heruntergekommener Timothy Spall aussehen mochte; trotzdem passte der Vergleich.

Der Roman fordert den Leser über die gesamten Seiten hinweg und sorgt dafür, dass Aufmerksamkeit geboten ist. Zum Ende hin bietet sich eine erstickende Spannung, die nicht erahnen lässt, wie alles schließlich zusammenlaufen würde und ob wir einem Happy End entgegenfiebern dürfen oder einer anbahnenden Katastrophe. Obwohl mir ein paar Wendungen etwas die Spannung genommen haben und ich zwischendurch mit anderen Auflösungen gerechnet hatte, so konnte mich das Ende und die Art wie dieses geschrieben wurde, trotzdem vollkommen überzeugen.


Fazit

Slow Horses ist ein ausgesprochen unterhaltsamer Roman, der viel Spannung, typisch britischen Humor und einen interessanten Einblick in Verschwörungstheorien und das Agentenleben bietet. Ein unglaublich gelungener Auftakt, der viele Charaktere mitspielen lässt, einen tiefen Gedankengang ermöglicht und neugierig stimmt. Aufgrund des Schreibstils und der Anzahl an Protagonisten, ist es jedoch keine leichte Lektüre für zwischendurch, was für mich persönlich seinen zusätzlichen Reiz geboten hat. Es ist kein typischer Thriller, auch kein gängiger Krimi: Hier wird einem weitaus mehr geboten.

lover

Weitere Rezensionen

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LoveSarah

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung meines Rezensionsexemplares!

8 Antworten auf „Rezension: Slow Horses

  1. […] Slow Horses habe ich am 1. Oktober beendet, allerdings fehlten mir nur noch wenige Seiten (knapp 60) weshalb ich es noch für den September werte. Der Thriller ist intelligent, mit einem unfassbaren britischen Humor gesegnet und unfassbar unterhaltsam. Mit überraschenden Wendungen, ausgefeilten Charakteren und einer ausgeklügelten Idee, definitiv das perfekte Freitagabendbuch, um mit viel Witz und Charme ins Wochenende zu starten. […]

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    1. Liebe Anett,
      hach, es freut mich, dass dir das Buch ebenfalls gefallen hat. Ich freue mich auch bereits auf die Fortsetzungen, vor allem, weil die Charaktere so unfassbar interessant und der Humor unwiderstehlich sind. Wenn wir Glück haben, erscheint der zweite Teil schon im Herbst 2019 :)

      Vielen lieben Dank für die Verlinkung, deine packe ich auch direkt bei mir drunter :)
      Alles Liebe,
      Sarah

      Gefällt 1 Person

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