Rezension: Becks letzter Sommer

In Becks letzter Sommer startete ich ohne Erwartungen. Zuvor habe ich mir weder den Klappentext durchgelesen, noch mir irgendwelche Meinungen zu dem Roman eingeholt. Ich wollte gerne einen weiteren Wells lesen, um mich von seiner Sprache und seinen Gedanken fesseln zu lassen. Mich traf eine ganz und gar andere Geschichte an, als ich es beim Titel erahnt hatte. Eine Geschichte, die sich stilistisch zwar zunächst von Wells späteren Werken unterschied und dennoch seine wesentlichen Merkmale in sich trug: Sein Verständnis für Einsamkeit und dem Verlangen, seine Träume zu erfüllen und die Verzweiflung, die einem auf dem Weg dorthin begleiten.


Fakten

Titel: Becks letzter Sommer | Autorenname: Benedict Wells| Seitenanzahl: 464 | Verlag: Diogenes VerlagPreis: 12,00 € Paperback; 9,99 € E-Book | ISBN: 978-3-257-24022-1 | Sprache: Deutsch | Erscheinungstermin: 01. Dezember 2009 | Erworben: E-Book Rezensionsexemplar


Inhalt

Beck ist nicht zu beneiden. Mit der Musikerkarriere wurde es nichts, sein sicherer Job als Lehrer ödet ihn an, und sein Liebesleben ist ein Desaster. Da entdeckt er in seiner Klasse ein unglaubliches Musiktalent: Rauli Kantas aus Litauen. Als Manager des rätselhaften Jungen will er es noch mal wissen, doch er ahnt nicht, worauf er sich da einlässt … Ein tragikomischer Roman über verpasste Chancen und alte Träume, über die Liebe, Bob Dylan und einen Road Trip nach Istanbul. Ein magischer Sommer, in dem noch einmal alles möglich scheint. [Diogenes]


Lesezeit

Eindringlich, unerwartet und breit gefächert.

Anders als in Wells darauffolgenden Romanen, erscheint in diesem Buch ein Protagonist im Alter von 37 Jahren. Allein dieser Umstand verlegt den Schwerpunkt dieser Geschichte drastisch, auch wenn die Bedeutung schließlich dieselbe bleibt: Was passiert mit einem Menschen, der seine Sehnsüchte und Träume nicht auslebt? Entsprechend also nicht richtig lebt, sondern lediglich existiert und einen Weg geht, der sicher, dafür mit weniger Erfüllung und Glück bestückt ist? Die Wichtigkeit der eigenen Liebe und Leidenschaft nachzugehen, wird hier anhand von mehreren Lebensgeschichten geschildert und das so eindringlich, dass es einen als Leser emotional fesselt, mitzuerleben, wie sehr das Leben an einem zerrt, wie stark die inneren Kämpfe, die aufkeimende Verzweiflung und allen voran die beginnende Lebensunlust vordringen und schließlich Überhand gewinnen.

Man altert einfach zu schnell, dachte Beck. Einmal kurz weggeschaut, schon war man nicht länger ein junger Leadsänger in einer Band, sondern ein siebenundreißigjähriger Lehrer an einem Münchner Gymnasium. Nicht gerade der erhoffte Lebenslauf.
– Becks letzter Sommer | Benedict Wells | Seite 16

Trotz ernster Thematik vollbringt es Wells erneut durch seinen bestechenden Humor die Leichtigkeit miteinzufädeln, ohne, dass sie zu aufdringlich oder unpassend erscheint. Allen voran tragen die Dialoge mit dem Schüler Rauli zur Unterhaltung erheblich bei. Sein spannender Charakter und die Mischung aus unberechenbaren Teenager und gleichzeitig verspieltem Kind, ließen die Gespräche zwischen ihm und Beck zu meinen Highlights werden.

„Robert, Robert, Sie sind ja der glücklichste Mann der Welt.“ „Ach, und wieso?“ „Weil Sie lieben. Und geliebt werden.“ „Ich weiß nicht, ob das ausreicht, um der glücklichste Mann der Welt zu sein.“ „Ich habe ja auch nicht gesagt, dass Sie der klügste Mann der Welt sind. Ihnen ist Ihr Glück nämlich durchaus nicht klar.“
– Becks letzter Sommer | Benedict Wells | Seite 333

Neben der Entwicklung zwischen Rauli und Becks und deren unterschiedlichen und doch gleichen Lebensverläufe, schreibt Wells noch über weitere Lebensgeschichten, die zwar allesamt andere Ziele verfolgen und dennoch dieselben Schicksale in sich tragen: Jeder sucht nach der Erfüllung. Nach seinen Träumen, Sehnsüchten, etwas, was die Leere in einem füllt und Glück bringt. Manch einer sucht mit Verzweiflung, nicht ahnend, was ihn glücklich macht. Der nächste traut sich nicht, seinem Glück nach zugehen. Und der Nächste hat es verloren. Jeder auf seine Art, jeder mit anderen Konflikten, Hindernissen und inneren Kämpfen. Immer wieder mit der Frage wie weit man gehen würde, wie viel man bereit ist, aufzugeben oder zu riskieren, um alles auf einen Traum zu setzen. Und wie es sich anfühlt, wenn sie niemals in Erfüllung gehen.


Fazit

Benedict Wells hat ein beeindruckendes Verständnis dafür, in die tiefsten Sehnsüchte und Verzweiflungen des Menschen einzudringen. Er schreibt akkurat über die Gedanken, Handlungen und Schicksalsschläge, die inneren Kämpfe und die Art, wie das Leben mit einem spielt. Seine Geschichten spiegeln das Leben so gut wieder, dass es mich jedes Mal aufs Neue berührt.

 

lover

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LoveSarah

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