Rezension: Maschinen wie ich

Fakten

Titel: Maschinen wie ich | Autorenname: Ian McEwan| Seitenanzahl: 416 | Verlag: Heyne> fliegtPreis: 21,99 € Hardcover | ISBN: 978-3-257-60958-5 | Sprache: Deutsch | Erscheinungstermin: 22. Mai 2019  |
Erworben: Rezensionsexemplar


Inhalt

Charlie ist ein sympathischer Lebenskünstler Anfang 30. Miranda eine clevere Studentin, die mit einem dunklen Geheimnis leben muss. Sie verlieben sich, gerade als Charlie seinen ›Adam‹ geliefert bekommt, einen der ersten lebensechten Androiden. In ihrer Liebesgeschichte gibt es also von Anfang an einen Dritten: Adam. Kann eine Maschine denken, leiden, lieben? Adams Gefühle und seine moralischen Prinzipien bringen Charlie und Miranda in ungeahnte – und verhängnisvolle – Situationen.

– Diogenes Verlag


Lesezeit

Brillant, provokant und beeindruckend vielschichtig.

Ian McEwan weiß mit Worten umzugehen. Die gezielte Ausdrucksweise, die unfassbaren Verkettungen, nicht enden-wollendem Gedankenzüge, die sich ineinander verstricken und den Leser um mehr Aufmerksamkeit bitten, unterstreichen wahrhaftig die deutliche Präsenz des Autors. Seine Romane sind keineswegs etwas für zwischendurch. Sie fordern den Leser heraus, zu hinterfragen, genauer zu lesen, sich provoziert und zum Denken gezwungen zu fühlen. Man kommt gar nicht umher sich durch die philosophischen, teils politischen und vor allem existenziellen Aussagen, eigene Gedanken zu machen und einen Appell an das eigene Selbst zu verspüren, welches einen geradezu anzuschreien scheint: Mach dir eigene Gedanken zu dem, was du hier gerade liest.

Die Gegenwart ist ein unwahrscheinliches unendlich fragiles Konstrukt. Es hätte anders kommen können. Etwas oder alles könnte auch ganz anders sein. Das gilt für das Kleinste wie für das Größte.
Maschinen wie ich | Ian McEwan | Seite 92

Der Roman thematisiert eine Zukunft, die sich in einer fiktiven Vergangenheit abspielt. Eine Art von 1982, in dem es Social Media, freien Internetzugang, einen lebenden Alan Turing, und vor allem unvorstellbar fortschrittlich entwickelte künstliche Intelligenz gibt. Roboter, die aussehen wie Menschen, sich auch so verhalten und uns obendrein in ihrer Intelligenz überragen. Und so einen Roboter, die Maschine, schafft sich der Protagonist Charlie an.

Wir selbst haben damit zu Leben gelernt, und die Liste ödet uns an: Millionen sterben an Krankheiten, die wir heilen können. Millionen leben in Armut, obwohl es genug für alle gibt. Wir zerstören unsere Biosphäre, obwohl wir wissen, dass sie unsere einzige Heimat ist. Wir bedrohen uns gegenseitig mit Atomwaffen, auch wenn wir wissen wohin das führen kann. Wir lieben Lebendiges, lassen aber massenhaftes Artensterben zu. Und dann der Ganze Rest – Genozid, Folter, Versklavung, häusliche Gewalt bis hin zum Mord, Kindesmissbrauch, Schießereien an Schulen, Vergewaltigungen, tagtäglich eine schier endlose Zahl skandalöser Gräueltaten. Wir leben mit all diesen Grausamkeiten und sind nicht mal erstaunt, wenn wir trotzdem unser Glück, sogar Liebe finden. Künstliche Intelligenzen sind da weniger gut geschützt.
Maschinen wie ich | Ian McEwan | Seite 242

Fortan wird das Thema Bewusstsein, das eigene Selbst, das Empfinden von Gefühlen, Liebe und die Möglichkeit all das in einer Maschine wiederzufinden, thematisiert und hinterfragt. Dabei steht dies allein nicht im Mittelpunkt des Romans. Die Zukunft an und für sich, der Fortschritt, die Gier nach Perfektion und der Drang sich immer weiterzuentwickeln und die eigenen Grenzen und Beziehungen zu Maschinen werden durch die Ereignisse innerhalb des Romans hervorgetan.

Es geht um… Maschinen wie ich und Menschen wie ihr, unsere gemeinsame Zukunft… um die Trauer, die kommt. Und sie wird kommen. Mit Verbesserungen im Laufe der Zeit… wir werden euch übertreffen … und überdauern … auch wenn wir euch lieben.
Maschinen wie ich | Ian McEwan | Seite 369

Neben der Maschine an sich, lässt Ian McEwan jedoch auch den Rest der Welt in den Vordergrund rücken. Politische Aufstände, ein Krieg und sexuelle Gewalt spielen wichtige Themen, die alle für sich ihre eigene Bühne erhalten. Das wohl interessanteste an der Darstellung durch den Autor, ist die Art wie er versucht alle möglichen Perspektiven darzustellen und ihnen Raum für Erklärungen zu geben.

Die Werbung pries ihn als Gefährten an, als intellektuellen Sparringspartner, als Freund und ein Faktotum, das den Abwasch machen, Betten beziehen und denken konnte.
Maschinen wie ich | Ian McEwan | Seite 12

Zum Schluss hin bleibt der Autor hinsichtlich einiger Punkte recht offen. Nicht alles wird abgehandelt, gleich so wie im echten Leben nicht jedes Thema eine Auflösung erhält. Dadurch lässt er einen gewissen Freiraum, um selbst Diskussionen und eigene Interpretationen zuzulassen. Diese Geschichte lässt einen nicht ruhig, nicht still sitzen. Es wird nicht möglich sein, das Buch einfach so beiseite zu legen. Der Drang steigt auf, es besprechen zu wollen, die Thesen und Denkanstöße zu hinterfragen, sich genau diese Szenarien vorzustellen und sich vor allem zu fragen: Wie hätte ich eigentlich in diesen Situationen gehandelt?


Fazit

Gekonnt ausschweifend, provokant und gesellschaftskritisch lädt Ian McEwan zum Nachdenken ein. Mit Maschinen wie ich stellt er dem Leser eine faszinierende, detaillierte und vor allem nachdenkliche Geschichte vor, die zur Reflexion und Interpretation anregt. Ein Meisterwerk der Zukunft, die auf die Vergangenheit trifft, mit beeindruckenden Wendungen, großen Reden und einer unglaublichen Intensität.

Soulmate

Weitere Rezensionen

Literally Sabrina | Zeilenwanderer


LoveSarah

 

Vielen Dank Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

3 Antworten auf „Rezension: Maschinen wie ich

  1. Liebe Sarah,
    du hast »Maschinen wie ich« treffend rezensiert und ich finde, man kann sich durch deine Rezension einen sehr guten Überblick vom Buch schaffen.
    Ich habe das Buch ja auch gelesen (danke für die Verlinkung! <3), aber muss sagen, dass mir das ganze Drumherum zu viel war. Ich habe mir mehr Zeit mit Adam gewünscht und weniger politisches Geschehen und drum herum. Ansonsten kann ich dir aber nur zustimme: McEwan ist ein Meister seines Faches!
    Alles Liebe aus der Schweiz
    Janika

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Janika,
      danke für deine lieben Worte!
      Ich habe deine Rezension sehr gerne verlinkt :-) leider hatte ich für Kommentare noch keine Zeit, schaue später aber auf jeden Fall noch vorbei.
      Alles Liebe,
      Sarah

      Liken

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