Rezension: Oha, können sie denn auch operieren?

Fakten

Autorin: Dr. Lieschen Müller
Buchtitel: Oha, können Sie denn auch operieren?
Seitenzahl: 208 | ISBN: 978-3446266063

Inhalt

Hundertstundenwoche, sexistische Chefs aus der Hölle und Patienten wie tickende Zeitbomben – willkommen im Klinikalltag einer Unfallchirurgin

Wie fühlt es sich an, seine Hände in den Brustkorb eines Mannes zu stecken? Wann sprechen Mediziner eigentlich von einer kleinen Hafenrundfahrt? Warum macht es süchtig, bis zum Umfallen zu arbeiten? Als Dr. Müller den Dienst in der Notaufnahme antritt, wird ihr Leben zur Hölle. Erschöpft wankt sie durch die Flure zwischen abgetrennten Extremitäten, Körperflüssigkeiten und Beschimpfungen. Ihre männlichen Kollegen mobben fröhlich, sofern sie nicht gerade versuchen, sie anzumachen. Mit Herz und Humor zeigt sie die irrsinnige Realität einer Ärztin in Ausbildung. „Eines habe ich gelernt als Ärztin im Klinikalltag: Knochen, Kinder und Beziehungen zerbrechen unter zu viel Druck.“
Goodreads

Lesezeit

Die ersten Seiten lassen die Autorin zunächst nicht allzu sympathisch erscheinen. Vielleicht sei es auch ihrem Lebensweg als Ärztin zuzuschreiben, sich stets durchboxen und hocharbeiten zu müssen. Doch die einleitenden Worte, die zunächst nur aus einer Lobeshymne über ihre eigene Arbeit bestehen und gleichzeitig gehässigen Worten allen anderen Kollegen gegenüber, erschrecken und wirken unreflektiert. Die Autorin lässt zwar hier und dort ein positives Wort an ihren Kollegen, allerdings dicht gefolgt von negativer Kritik. Generell scheint niemand bei ihr gut wegzukommen. Auch Patienten haben stets schlechte und selten gute Seiten. Über das Buch hinweg erlebt die Autorin in ihrem Beruf eine Entwicklung und beschreibt ihre eigenen Veränderungen und ihre wandelnde Perspektive auf ihr Dasein als Ärztin über die Jahre ihrer Ausbildung hinweg. Dabei durchlebt sie ein Wechselbad der Gefühl zwischen Begeisterung, Erschöpfung, Wut und eine wiederkehrende Liebe zu ihrem Beruf.

Für uns Frauen scheint es allerdings eingeplant und in Ordnung zu sein, dass wir uns mit den hinteren Reihen begnügen. Erst wenn die Männer selbst die Vereinbarkeitsproblematik erleben, werden sich die Strukturen ändern.

Oha, können Sie denn auch operieren? by Dr. Lieschen Müller

Vorrangig ist es der Aufbau des Buchs und die daraus resultierende chaotische Übersicht, die der Geschichte einen schweren Einstieg geben. Die Kapitel gliedern sich stets gleich: Auf der einen Seite wird ein übergreifendes äußerst wichtiges Thema gewählt, welches dann dicht gefolgt von einer Aneinanderreihung von Patientenfällen untermalt wird. Die Idee, viele Patientengeschichten niederzuschreiben, ist an sich sehr interessant. Auch die Fälle und unterschiedlichen Patiententypen sorgen für Neugier und auch Spannung. Allerdings hätte ich mir an dieser Stelle eine bessere Gliederung gewünscht. Das eigentliche Thema in den Kapiteln geht leider oft unter, da die vielen unterschiedlichen Fälle das Kapitel durchweg füllen und dadurch den übrigen Inhalt erdrücken.
Dabei wären diese Patientenfälle an und für sich eine gute Idee gewesen, um darauf das Buch aufzubauen. Leider wurde die Struktur etwas ungeschickt gewählt. Zu den großen Themen zählten vor allem Frauen in der Medizin, die Hierarchie in einem Klinikum und das Problem unseres Gesundheitssystems und wie es sich auf die Arzt-Patienten-Beziehung und vor allem die Behandlungsmöglichkeiten auswirkt. Das Thema Frauen in der Medizin hat mich leider etwas enttäuscht. Die Autorin wies immer wieder daraufhin, dass es an Frauen in der Chirurgie mangelt. Auf der anderen Seite kritisierte sie die Frauen, die es in diesem Bereich bereits gibt und verwies auf deren Mangel an Selbstbewusstsein und Qualität in Führungspositionen hin. Zwar führte die Autorin auf, dass mehr Vorbilder in diesem Bereich benötigt werden, allerdings ohne selbst eine Lösung zu bieten oder sich selbst zu diesen Vorbildern zu zählen.

Anstatt mir seine Abteilung zu zeigen und mir das Weitebildungskonzept vorzustellen, reduzierte er mich auf meine Brüste. (…) Das ähnelte keinem Vorstellungsgespräch, sondern eher einem Speed-Dating-Interview.

Oha, können Sie denn auch operieren? by Dr. Lieschen Müller

Mein größter Kritikpunkt ist schließlich die schwierige Bindungsmöglichkeit, die einem als Leser bereitet wird: Patientennamen werden lediglich mit Buchstaben abgekürzt. Dadurch ist es kaum möglich, sich diese Fälle mit einem Gesicht vor Augen zu merken und es so lebendig und echt wirken zu lassen. Frau A., Herr B., Frau M.,… das ist wenig persönlich und auch nicht unbedingt notwendig. Ausgedachte Namen wären an dieser Stelle vielleicht etwas angenehmer gewesen. Darüber hinaus häuft sich parallel eine Tierwelt, die zwar eine persönliche Ansicht darstellt, für mich jedoch einen Beigeschmack von Kinderbuchgeschichte inne trägt. Auf der einen Seite wird ohne Erklärungen medizinisches Fachvokabular eingebracht, auf der anderen Seite folgt eine etwas kindhafte Ausdrucksweise, die sich beide leider nicht die Waage halten. Die Autorin wählt nämlich unterschiedliche Tierarten zur Kategorisierung von Patient:innen und Kolleg:innen. Zunächst erschien mir diese Idee sehr humorvoll. Leider entpuppte sich schließlich diese Konsequenz der Tierwelt, die sich über das gesamte Buch vollstreckt, dann etwas zu stark aufgelegt. Auch hier hätte eine andere Übersicht aushelfen können.

Vielleicht ist es den häufigen Selbstzweifeln geschuldet, die ich bei vielen Ärztinnen bemerke, dass ich so wenige Bärinnen kenne. Vielleicht liegt es aber auch an der insgesamt zu geringen Anzahl an bärigen Vorbildern.

Oha, können Sie denn auch operieren? by Dr. Lieschen Müller

Dieses Buch hat wirklich viel Potential. Die Ideen dahinter, die Kritik an unser Gesundheitssystem und die Arzt-Patienten-Beziehung werden hier und dort angesprochen und bringen einige Punkte hervor, die zum Nachdenken anregen. Leider fehlt es an Struktur. Dies ist eines der wenigen Bücher, bei denen ich empfehlen würde, es um 100 Seiten zu verlängern. Dadurch lässt sich eine bessere Übersicht, mehr Ordnung und ein deutlicher Leitfaden einbringen. Obendrein lassen sich die wichtigen Themen dann auch ausführlicher abhandeln und bringen so die dringend notwendigen Botschaften eindrucksvoller hervor. Die Autorin hat versucht ihren Lebensweg als Ärztin, Kritik an das Gesundheitssystem und etliche zum Teil emotionale Patientenfälle in 200 Seiten zu verpacken. Jeder Teil für sich, ist wirklich interessant. Zusammengefügt leider etwas unübersichtlich, was dazu führte, dass jedes Thema für sich nur kurz abgehandelt werden konnte.

Ihr füllt nur noch Checklisten aus. Ihr operiert Mütter, Väter und Kinder und am Abend habt ihr noch nicht einmal Zeit für eure eigene Familie. Wie sollt ihr lernen, dass das, was ihr macht, wichtig ist? Es ist nichts mehr wert.

Oha, können Sie denn auch operieren? by Dr. Lieschen Müller


Fazit

Ein Buch mit viel Potential. Hier werden einige essentielle Probleme unseres Gesundheitssystems aufgeführt. Leider erschien es mir eher eine Abrechnung mit dem System zu sein als ein tatsächliches Sachbuch.

Bei diesem Buch handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, welches ich kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen habe. Bei meiner Rezension handelt es sich um meine freie und ehrliche Meinung, die ich keineswegs verfälsche oder auf irgendeine Weise beeinflussen lasse.

Rezension: Elanus

Fakten

Titel: Elanus | Autorenname: Ursula Poznanski| Seitenanzahl: 416 | Verlag: cbj Jugendbücher| Preis: 18,00 €| ISBN: 978-3785582312 | Sprache: Deutsch | Erscheinungstermin: 22. August 2016 |
Erworben: selbst gekauft


Inhalt

Es ist klein. Es ist leise. Es sieht alles.

Jona ist siebzehn und seinen Altersgenossen ein ganzes Stück voraus, was Intelligenz und Auffassungsgabe betrifft. Allerdings ist er auch sehr talentiert darin, sich bei anderen unbeliebt zu machen und anzuecken. Auf die hervorgerufene Ablehnung reagiert Jonas auf ganz eigene Weise: Er lässt sein privates Forschungsobjekt auf seine Neider los: eine Drohne. Klein, leise, mit einer hervorragenden Kamera ausgestattet und imstande, jede Person aufzuspüren, über deren Handynummer Jona verfügt. Mit dem, was er auf diese Weise zu sehen bekommt, kann er sich zur Wehr setzen gegen Spott und Häme.
Doch dann erfährt er etwas, das besser unentdeckt geblieben wäre, und plötzlich schwebt er in tödlicher Gefahr.
-goodreads

Lesezeit

Spannend, jugendhaft und aufregend.

Ein Protagonist, der nicht ganz einfach ist, eine neue Stadt, die entdeckt werden muss, und Menschen, die wir noch nicht kennen. Insgesamt ein Ort, der zwar unscheinbar wirkt, jedoch auf dem zweiten Blick einige Geheimnisse beherbergt. Und die versucht Jona aufzudecken. Weniger aus einem tatsächlichen Interesse für die Stadt, sondern mehr aus wissenschaftlichem Nutzen seiner Erfindung, wagt er es und lässt Elanus frei.

Mich zu beobachten wäre unglaublich langweilig. Alles, was an mir spannend ist, spielt sich in meinem Kopf ab, und da kann niemand reinsehen.

Jonas ist ein Überflieger. Er wird als Genie vorgestellt, der sich ganz klischeehaft, zwar gut mit Büchern und Formeln auskennt, sozial jedoch eine einzige Katastrophe darstellt. Ganz der Sheldon Cooper in der Bücherwelt, nur etwas jünger. Trotz des schwierigen Charakters von Jonas, tritt er nicht allzu unsympathisch auf. Im Gegenteil. Der Schreibstil der Autorin und die Art wie sie Jonas durch seine eigenen Fettnäpfchen vorführt, lässt ihn menschlicher erscheinen, als ihm selbst wohl lieb wäre, was dem Leser auch hier und dort ein Schmunzeln entlockt.

Die Geschichte um Jonas wird aufgrund seines auffälligen Charakters sehr speziell aufgebaut. Zwar hat er ebenfalls ganz gewöhnliche Interessen eines Teenagers, die da wären: Liebe und Herzschmerz. Andererseits beschäftigt er sich auch mit seinem eigenen Forschungsprojekt der nicht ganz legalen Art. Diese Kombination führt dazu, dass dem Leser auf keinen Fall langweilig wird. Obendrein entdeckt Jonas durch seine ungezähmte Neugier ein Geheimnis, welches in ihn große, wenn nicht gar gefährliche Schwierigkeiten bringt, was die Spannung anheizt und für einige überraschende Wendepunkte sorgt.

Fazit

Ein spannender Krimi für den jugendlichen Leser. Elanus bringt wie immer eine Zukunftsidee mit, die zeigt, wie sie (aus-) genutzt werden kann und welche spielerischen Gedanken dadurch folgen. Ein Geheimnis, ein Junge und eine spannende Verschwörung, die sich fesselnd aufbaut.

Weitere Rezensionen

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LoveSarah

Rezension: Dear Evan Hansen

Triggerwarnung: Selbstmord, Drogen(-Sucht), Angststörungen

 

Fakten

TriggTitel: Dear Evan Hansen | Autorenname: Val Emmich| Seitenanzahl: 368 | Verlag: cbj-Jugendverlag| Preis: 18,00 €| ISBN: 978-3-570-16565-2 | Sprache: Englisch (auf Deutsch verfügbar) | Erscheinungstermin: 2. September 2019 |
Erworben: selbst gekauft


Inhalt

Nobody Deserves to be Forgotten

Ein nie für die Augen anderer bestimmter Brief lässt Evan Hansen als engsten Freund eines toten Mitschülers erscheinen. Dem einsamen Evan eröffnet sich durch dieses Missverständnis die Chance seines Lebens: endlich dazuzugehören. Evan weiß natürlich, dass er falsch handelt, doch nun hat er plötzlich eine Aufgabe: Connors Andenken zu wahren und den Hintergründen seines Todes nachzuspüren. Alles, was er tun muss, ist weiter vorzugeben, Connor Murphy habe sich vor seinem Selbstmord allein ihm anvertraut. Plötzlich findet sich der unsicht- und unscheinbare Evan im Zentrum der Aufmerksamkeit. Sogar der des Mädchens seiner Träume – Connors Schwester.
– randomhouse
Lesezeit

 

Tiefgründig und ruhig.

Bevor ich Dear Evan Hansen gelesen habe, habe ich nicht gewusst, was dieses Buch thematisiert. Ich wollte mich bewusst nicht informieren und wurde erneut durch die Buch-Community auf Instagram auf dieses Buch aufmerksam. Ich ahnte, dass das Buch wichtige Themen behandeln wird. Sehr wichtige Themen: Selbstmord, Depressionen, Mobbing, Angststörungen. Es sind Themen, die immer noch viel zu selten in Büchern ihren Platz finden und noch seltener als Hauptschwerpunkt. In Dear Evan Hansen wurden sie nicht nur umgesetzt, sondern auch feinfühlig und intensiv behandelt.

I wish that everything was different. I wish that I was a part of something. I wish that anything I said mattered, to anyone. I mean, let’s face it: would anybody even notice if I disappeared tomorrow?

Die Perspektive des Hauptcharakters Evan wurde rein sprachlich unglaublich authentisch umgesetzt. Das Buch liest sich ruhig, schnell und gleichzeitig chaotisch. Genauso verlaufen Evans Gedanken und sein Bemühen, mit sich selbst im Reinen zu komme und irgendwie sein Leben zu überstehen. Er hat Angststörungen. Angst, mit anderen auch nur zu reden. Die Art, wie Evans Ängste und sein Verhalten widergespiegelt wurden, hat mich sehr gerührt und mir ein tiefes Verständnis für seine Situation und den inneren Kampf, den er mich sich und der Welt austrug, näher gebracht.

Really, though, what do I know about what another person is capable of? I still don’t have a clue what I’m capable of. I keep surprising even myself.

Zwar würde ich mit dem nächsten Thema etwas vorweg nehmen, dennoch ist es für meine Rezension und die Wichtigkeit des Romans essentiell: Ein Mitschüler von Evan begeht Selbstmord. Er stand ihm nicht sonderlich nah, fühlt sich der Familie gegenüber jedoch verantwortlich und beschäftigt sich eingehend mit ihnen und dem Mitschüler. Wieso hat er es getan? Wie reagiert sein Umfeld? Seine engste Familie? Wie reagieren Menschen, die eigentlich gar nichts mit ihm zu tun haben? Und wie kann man Menschen helfen, die sich in ähnlichen Situation befinden?

I’m left with a loneliness so overpowering it threatens to seep from my eyes. I have no one. Unfortunately, that’s not fantasy. That’s all-natural, 100 percent organic, unprocessed, reality.

Dear Evan Hansen hat mich überrascht. Der Autor hat eine beeindruckend ruhige Art, mit der er die Handlung wiedergibt und trotzdem den Verlauf nicht eintönig wirken lässt. Es ist eine Ruhe, die einen als Leser einnimmt und dafür sorgt, die gesamte Aufmerksamkeit dieser Geschichte zu widmen und selbst vielleicht noch einmal überall genauer hinzusehen.

Why would he do this? I mean, i understand how low a person can get. I also know that when you’re not in the best headspace, the trivial can turn into the insurmountable and all of sudden you’re heading down a dark path and you can’t find your way back.

 

Fazit

Dear Evan Hansen ist eine Geschichte, die so viele Menschen betrifft und noch von viel zu wenigen erzählt wird. Dieses Buch liefert eine Stimme, die spricht und zuhört und die vor allem eines aussendet: Verständnis und den Mut zum Handeln. Eine absolute Leseempfehlung.

Weitere Rezensionen

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LoveSarah