Ein Mensch reicht aus, um… | Vorstellungsrunde

Vor einigen Wochen hat Becca das Buch Powerfrauen vorgestellt und mich damit direkt neugierig gestimmt. In dem Buch werden Frauen vorgestellt, die etwas bewegt haben und Großes leisteten. Als ich schließlich die Tage mit Becca ins Gespräch geriert, kam uns die Idee, eine Beitragsreihe über Menschen ins Leben zu rufen, die diese Welt bereichern und zu einem besseren Ort gestalten.  „Ein Mensch reicht aus, um… | Vorstellungsrunde“ weiterlesen

Zwischen Leben und dem Schluss

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Mein Schatten schleicht durch die Gassen der Welt, zwischen jedem Schlupfwinkel, kennt alle Menschen und ihre Verstecke. Der Zeitpunkt folgt für sie alle, niemand kann sich davor drücken, mich bestechen oder Ausreden suchen. Es ist ein Zeitpunkt absoluter Ehrlichkeit. Der Moment der Wahrheit.
Obwohl ich meine allgegenwärtige Anwesenheit nicht vor ihnen verberge, benehmen sie sich, als hätte ihnen jemand die Unsterblichkeit geschenkt. Dem ist ganz und gar nicht so.
Denn ich bin der Tod und trachte allen Menschen hinterher, ganz gleich für wen sie sich halten.
Doch manchmal so wünschte ich mir, sie wären sich meiner bewusster. Würden fühlen, wie kostbar ihre Sekunden sind, die ihnen noch hier verbleiben. Manch einer weiß, wann ihn das Schicksal treffen wird und versuchen die Zeit hinaus zu dehnen, jeden Moment in den Erinnerungen zu speichern.
Weshalb, so frage ich mich, benehmen sie sich nicht immer so?
Wieso leben Menschen nicht jeden Tag, erfüllen ihn mit Herzenswünschen und trachten ihrer Leidenschaft hinterher? Weshalb verbringen sie so viel Zeit damit sich zu hassen, andere zu verachten, Streit und Kriege auszulösen, bei denen ich sooft zum Einsatz komme, dass ich mir mit den Jahren der Menschheit Hilfspersonal in Form von Sensenmännern und Sensenfrauen anschaffen musste.
Manchmal verbleibe ich noch einen Moment und sehe den Verbliebenen hinterher. Höre ihre Anklagen, sehe die Tränen und nehme ihre Verwürfe an mich in mir auf. Dabei beobachte ich ihren Schmerz, den Geliebten nie wieder sprechen zu können, nie wieder eine Antwort auf eine Frage zu hören, keine gemeinsamen Momente mehr teilen zu können und wie sie keine gemeinsamen Berührungen mehr fühlen werden.
Ich zerschelle ihr Leben und versuche zu verstehen, was sie durchleben, doch ganz gleich wie viel Leid ich beobachte, wie viele Bücher ich von ihnen lesen werde und wie oft ich sie mit mir nehme und auf die andere Seite führe: Ich werde das Leben der Menschen nie wirklich begreifen können.

Kurzgeschichte: Der Weltenbummler

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Kurzgeschichte: Der Weltenbummler – Sarah Ricchizzi

Das Schiff streift seelenruhig durch die Weiten dieser Welt. Angetrieben wird es märchenhaft friedlich durch einen mehrfach geflickten Heißluftballon. So mancher Stofffetzen hat über die Jahrhunderte hinweg diesen Ballon zusammengehalten und geholfen ihn weiterhin am Leben zu erhalten. Jedes einzelne trägt seine eigene Geschichte; Stücke aus einem Kleid der Marie-Antoinette, ein ganzes Gewand von Julius Caesar und etwas Feenstaub, um die Risse zu versiegeln. Ja, dieses Schiff umkreist seine Runden bereits etliche Jahre und war Zeuge jedes Krieges, Missgeschicks und jedweder Begegnung der Menschen aus aller Zeit.

Das Schiff ist fast so alt, wie die Erde selbst. Als einziger Bewohner haust genau dort der Weltenbummler und ohne ihn hätte unsere Welt, wie wir sie kennen, nicht all die Zwischenfälle der Vergangenheit überlebt.

Der Weltenbummler hat es sich zur Aufgabe gemacht unsere Welt zu schützen und ihre geflüsterten Geheimnisse für sich zu behalten. Er ist gleichzeitig Arzt, Seelenkundler und Beschützer für unseren Planeten. Kaum ein Mensch weiß von dem Weltenbummler, denn seine alleinige Existenz ist ein gewaltiges Geheimnis, welches er wohlbehütet in seinem Kämmerlein einzig für sein Gehör versteckt hält. Nur wenige Auserwählte haben es jemals auf sein Schiff geschafft. Und dies nicht ohne Grund.

Auf sein Schiff gelangen nur Menschen, denen die Leviten gelesen werden müssen und die für das Schicksal der Welt aussagekräftiger sind, als es dem Weltenbummler lieb wäre.

An dem heutigen Tag ist es wieder so weit: Ein Mensch wird auf sein Schiff geladen. Natürlich ist es keine wirkliche Einladung. Der Auserwählte hat schlichtweg keine andere Wahl, als den Weltenbummler zu begleiten und sich die Standpredigt anzuhören.

In den meisten Fällen lädt der Weltenbummler ganz hohe Tiere ein, um eine möglichst große Wirkung erzielen und an den richtigen Punkten ansetzen zu können. Doch zu Zeiten wie diesen, gab es so viele machtbesessene Menschen, die in gänzlich falschen Positionen ihr Wort zur Sprache melden dürfen, dass er sich kaum für einen Stümper einer Regierung entscheiden konnte.

In Zeiten, bei denen eine Schmähkritik fast zu einem Krieg führt und die wichtigen Probleme außer Acht gelassen werden, sieht er sich gezwungen zu handeln. Denn sollten die Menschen so weiter verkehren, dann würden selbst seine Fähigkeiten nicht weiterhelfen, um das Leben auf dem blauen Planeten zu sichern.

Früher musste er nur Frieden zwischen wenigen Völkern stiften. Heute sprießen so viele Katastrophen auf einmal hervor, von Klimawandel über die Ausholzung des Regenwaldes und den nie enden wollenden Streit der sich bekriegenden Länder, die anstelle von Worten lieber ihre Waffen spielen lassen, dass er nicht wusste, welches Problem er zuerst angehen sollte.

Zu Beginn des Gesprächs deutet der Weltenbummler jedes Mal daraufhin, dass er schon ein sehr alter Greis ist und sich der Gesprächspartner nicht an seinem Äußeren abschrecken solle: Der Weltenbummler trägt an die zwanzig Mäntel, jeder aus einer anderen Zeit und von anderen Menschen stibitzt oder als Geschenk erhalten, dazu ziert ein ramponierter und zerschossener Cowboy-Hut seinen Kopf. Natürlich wächst dem Bummler ein äußerst langer Bart, den er niemals stutzt und so vor sich hin ausufern lässt. Sein Gesicht ist gepflastert mit Jahresfalten, die selbst schon von Falten heimgesucht werden.

Nach dieser Einleitung beginnt die Reise durch die Welt mit seinem Gast an Bord. Zuerst fliegt er über die zerstörten Felder, verweist auf die Ausrottung der Nahrung und den Welthunger, der überall hauste, nur nicht in den Ländern, die Veränderungen bewegen könnten.

Dann erzählt er, wie er versucht die Welt zu heilen. Dieser Planet kann mit einem sonderbaren Organismus verglichen werden. Sie atmet durch die sprießenden Blätter der herrlichen Bäume und Pflanzen, die hier und dort noch im satten Grün blühen. Ihre Adern durchziehen sich durch sämtliche Wurzeln der Wälder dieser Welt. Dort, wo der Mensch die Wälder ausdörrt, sie ausrottet und zerstört, genau dort hört die Welt auf zu atmen und selbst der Bummler, kann an diesen Plätzen kaum noch weiterhelfen. Ihr Herz pulsiert durch die Wellen der Weltmeere, die durch Öle und Müll vergiftet werden.

Die Welt, sie kämpft um jeden weiteren Tag und der Weltenbummler tut sein Bestes, um sie noch länger überleben zu lassen. Doch er sieht das Ende kommen. Nicht mehr lange und sie wird fort sein und mit ihr die Menschheit.

Jetzt hofft der Weltenbummler noch und lädt den ein oder anderen Menschen auf sein Schiff ein. Vielleicht trifft er noch jemanden, den er beeinflussen kann, diese Heimatstätte nicht weiter zu zerstören, sondern sie zu dem Zuhause zu machen, welches sie selbst verdient hat. Er atmet tief ein und heißt seinen neuen Gast auf dem Schiff Willkommen.

„Guten Tag, Frau Merkel. Herzlich Willkommen auf meinem Schiff. Ich hoffe, dass ich ihnen noch einiges beibringen kann.“

Copyright: Sarah Ricchizzi
*Titelbild: pixabay

Der Weltenbummler reist

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Er fliegt mit alten Augen über die Welt, umkreist Runde um Runde jedes Fleckchen und mach keinen Halt. Er sieht, wie die Erde atmet, wie die Luft aufbraust und das Herz pocht: Das Leben blüht auf. Und obwohl er an so manchem Moment die Augen vor so allerhand Grausamkeit verschließen möchte und nicht sehen will, was Böses auf diesem Planeten atmet, lebt und Machenschaften plant, so sieht er auch dort hin. Wegschauen ist nicht seine Art. Alles wird in ihm aufgesogen, getragen durch die vielen Seelen des Lebens.
Über das Pergament kratzt seine Feder und hält jeden Gedanken, einzelne Fetzen und Momente, Bilder und Erkenntnisse aller Leben fest. Damit sie niemand vergisst.