Kann man nur über Geschichten schreiben, die man schon erlebt hat?

Geschichte Echtheit

Wenn ich glücklich bin, fällt es mir leicht über schöne Dinge zu schreiben. Wenn der Winter einherzieht, werde ich melancholisch und auch düstere Texte gelingen. Doch was ist eigentlich mit den Situationen, die wir vielleicht nicht kennen, Situationen, in denen wir nie hineingeraten würden, kann man darüber überhaupt einen authentischen Text verfassen oder ist dann alles nur Murks?

Fitzek ist schließlich auch kein Killer

Etwas hart formuliert, doch ich glaube, ich dürfte eure Aufmerksamkeit haben. Ja, wie ist es eigentlich mit Horrorliteratur oder einem richtig guten Thriller? Muss man selbst irgendwelche kranken Vorstellungen haben oder warum kommt man überhaupt auf solche eigenartigen Geschichten? Warum lassen Autoren so viele Menschen in ihren Romanen sterben? Sind wir am Ende alle ein bisschen Psychopath und toben sich Autoren im Buch so richtig aus, damit es im richtigen Leben nicht auffällt? Oder sind wir auch nur normale Menschen, mit ein bisschen mehr Fantasie?
Ja, wie kann es sein, dass wir uns dem Mörder so nah fühlen, wenn wir einen Krimi lesen, warum verstehen wir, was er tut und weshalb kann uns der Autor die Geschichte so tief unter die Haut führen, dass wir das Gefühl haben, diese Story ist echt?
Anders herum kann gefragt werden, ob denn nur romantische Menschen Liebesbücher schreiben können oder Jugendliche nur Altersgerechte Bücher, weil sie den Rest der Welt noch nicht kennen?

Geschichten voller Fantasie, keine gestrickte Bioprahie

Natürlich läuft es nicht so ab. Weshalb ich mir dessen so sicher bin? Nun, es handelt sich um Geschichten, keine Biographien. Autoren schreiben nicht über ihr Leben, sie erfinden welche. Doch wie kann es sein, dass es sich dennoch so unglaublich authentisch anfühlt und der Leser das Gefühl hat, dem Protagonisten so nah zu sein, wie einem echten Menschen?
Zum einen zählt es wohl zu der Gunst der Schreiberei dies zu tun. Der Autor versucht sich hineinzufühlen, zu lernen, zu erkennen, wer dort eigentlich die Geschichte durchlebt. Es dürfte ähnlich zu vergleichen sein, wie mit einem Schauspieler, der sich auf eine große Rolle vorbereitet: Wenn jemand einen Killer spielt, hat er schließlich zuvor auch nicht hunderte Menschen umgebracht und dennoch kaufen wir ihm die Rolle ab. Weil sie recherchiert haben. Weil sie sich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt haben. Weil es eine unglaublich umfangreiche Vorbereitung beansprucht ein Leben oder eine ganze Geschichte so darzustellen, dass sie wie echt wirkt und nicht wie ausgedacht. Und genau das ist der Punkt.

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Plotten & Vorbereitung sind alles

Ohne eine anständige Recherche läuft gar nichts. Das gilt obendrein für jeden Roman. Ganz gleich, ob es sich um Fantasy handelt oder einen Krimi. Alles muss gründlich durchdacht sein. Selbst, wenn man sich alles vollständig ausdenkt, wie eine neue Welt in einem High-Fantasy-Roman, so muss man dennoch an alle Details denken, alles gründlich hinterfragen und nichts für selbstverständlich nehmen. Darüber hinaus ist eines unausweichlich: Viel lesen. Wenn man sich für ein Genre entscheidet, muss man zuvor darin gelesen haben. Und damit meine ich nicht nur ein einziges Buch. Viele Bücher. Unfassbar viele Bücher. Dabei sollte man im Begriff sein zu verstehen, wie es andere Autoren eigentlich anstellen. Wie gelingt ihnen die Szenerie. Was kann ich selbst besser machen? Was gefällt mir am Text anderer Autoren und was überhaupt nicht? Welche Idee gibt es schon und was fehlt noch, muss noch geschrieben werden? Welche Geschichten braucht das Genre noch, um die eigene besonders zu machen und nicht irgendeinen Abklatsch zu schreiben.

Es ist ein Marathon, dieses Schreiben von Büchern

Das geht nicht über Nacht. Kein Buch schreibt sich in wenigen Tagen und ist danach auch lesbar. Keine Geschichte entsteht einfach so in einem schnellen Atemzug. Die Idee ist der Funke, doch der Rest ist ein unglaublicher Aufwand, der getätigt werden muss, um die Geschichte zu vollenden.
Zu oft bemerke ich in manchen Geschichten, dass die Charaktere mich nicht berühren, dass ich nicht das Gefühl habe, dass ihre Handlungen nachvollziehbar sind. Sie wirken nicht echt, nicht real für mich. Viel zu schleierhaft und nicht vielschichtig genug, um als wahre Person durchzugehen. Als Autor muss man seine Figuren so verstehen, als wären sie man selbst und noch mehr. Warum handeln sie, wie sie handeln? Weshalb mag der eine das und der andere so gar nicht? Die Geschehnisse müssen nachvollziehbar und dennoch überraschend sein. Unvorhergesehen und gleichzeitig schlüssig. Dazu muss man seine Charaktere und die gesamte Geschichte kennenlernen, als wäre man am Anfang einer langen Freundschaft. Denn so viel ist klar: Mit dem eigenen Roman wird man unfassbar viel Zeit verbringen, also sollte man auch sehr genau wissen, mit wem man es zu tun hat.
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Ja, und wo lerne ich meinen Protagonisten nun kennen?

Eine Figur authentisch zu entwickeln, beherbergt vor allem viel Arbeit. Bei Psychothrillern setzen sich viele mit der Psyche eines Mörders auseinander und wälzen Fachliteratur, lesen unterschiedliche Aspekte nach oder finden gar einen Roman, der sich genau mit dieser Thematik auseinander gesetzt hat, nur, dass man selbst einen anderen Gesichtspunkt fokussieren und die Geschichte ganz anders schreiben möchte.
Bei Krimis lese ich in der Danksagung oft, dass die Autoren Kontakt zu Polizisten hatten, sie interviewten, ihnen Fragen stellen durften, was das Fachwissen und den Alltag betrifft. Ich mein: Woher soll ein Autor das auch sonst erfahren? Schließlich ist dieser nun mal kein Polizist. Es wirkt erst realistisch, wenn man sich mit dem Beruf auch wirklich auseinandersetzt. Sich irgendetwas auszudenken und einfach nach dem Schema X aus Serien seine Schlüsse zu ziehen, halte ich für fatal. Einer der größten Kritikpunkte von Lesern ist die fehlende Sachgrundlage.
Genauso gilt es auch für andere Berufsgruppen oder generell Realitätsbezogene Orte und Gegebenheiten: Ihr müsst schließlich davon ausgehen, dass genau diese Menschen auch euer Buch lesen werden und dann nur den Kopf schütteln können, wenn alles falsch dargelegt ist. Ist eure Protagonistin Friseurin? Oder vielleicht Feuerwehrmann? Erkundigt euch, wie diese Menschen wirklich arbeiten, was sie beschäftigt. Natürlich sollte in den Roman nicht eine detaillierte Berufsbeschreibung auftreten, doch der Alltag und alles, was diese Person beschäftigt muss nebenbei miteinfließen, sonst wirkt der Charakter nicht vielschichtig genug.
Das gleiche gilt für reale Orte. Noch nie in Venedig gewesen, aber das Pärchen in deinem Buch soll dort Urlaub machen? Damit meine ich nicht, dass man (obwohl das natürlich ein wunderbarer Grund und eine super Ausrede wäre, haha) unbedingt diese Orte auch bereisen muss (aber ruhig darf, haha), man sollte sich jedoch etwaige Bücher über diese Städte ausleihen oder kaufen und anständig recherchieren, sich genau bewusst sein, wie es dort wirklich ist.

Die Arbeit lohnt sich

Glaubt mir: All die Stunden, die ihr investiert, werden euren Roman erst das nötige Etwas verleihen, was es benötigt, um dem Leser so nah zu gehen, dass er eure Zeilen nicht mehr vergessen kann, weil er das Gefühl hat, selbst Teil der Geschichte gewesen zu sein.


Und wie sieht es bei euch aus? Recherchiert ihr? Was war euer größter Aufwand, den ihr je betrieben habt, um eurer Geschichte den nötigen Hintergrund zu verleihen?

Bei mir persönlich: Bei Fantasygeschichten habe ich mich mit einigen Mechaniken auseinander gesetzt, da es bei meinen Stories oft einfach keinen Strom gibt, oder was man in der Moderne sonst so hat ;) darüber hinaus habe ich unterschiedliche Websites durchforstet (z.B. in meinem nächsten Roman über Träume), bin auf Bildersuche gegangen, um mir Landschaften und Dinge, die ich nicht so recht beschreiben konnte, näher anzusehen. Manchmal glaubt man etwas zu kennen und ist am Ende dann doch sehr überrascht, wie es dann in echt wirklich ist, so dass hier und dort etwas nachzuschlagen wirklich nicht verkehrt ist :)

SR


Quelle:
Comics: Sarah Scribbles
Titelbild: Copyright by Sarah Ricchizzi
Bild: Pixabay.com

Unser Feind und Missetäter: Der Antagonist

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Sie tauchen zu unterschiedlichen Zeiten und Momenten auf. Schleichen sich in die Leben unserer geliebten Protagonisten. Sie nisten sich ein, streuen Unbehagen und erzeugen mehr Probleme, als es uns eigentlich lieb wäre. Allerdings ließe sich nicht ein Roman ohne sie lesen, geschweige denn schreiben. Genau genommen regieren die Antagonisten über jedes Wort, das eine Geschichte beherbergen soll.

Was ist ein Antagonist?

Zunächst sollte geklärt werden, was ein Protagonist ist: Kurz gefasst die Hauptfigur eines Romans. Unser Protagonist hat ein Ziel vor Augen. Ein praktisches Beispiel wäre die Geschichte von Rotkäppchen. Rotkäppchen soll ihrer Großmutter einen Korb von ihrer Mutter bringen. Klares, scheinbar einfaches Ziel. Eine Geschichte, die so keine Sonderheit aufweist. Jetzt allerdings kommt unser Antagonist ins Spiel.
Der Antagonist  bedeutet im altgriechischen antagonistés „Gegner, Widersacher, Feind“.* Damit die Geschichte einen interessanten Anklang erhält, wird ein Gegenspieler in die Story eingebracht, der das Vorhaben des Protagonisten in irgendeiner Weise verhindern will. Bei Rotkäppchen wurde der Böse Wolf gewählt. Und plötzlich verleiht diese Figur der Geschichte einen ganz und gar neuen Anklang und erzeugt die Spannung, die ohne sie nicht auftreten könnte.

Antagonisten in verschiedenen Formen

Der Bösewicht
Ein Klassiker. Ob der Joker in Batman, Lord Voldemort aus Harry Potter oder die Böse Königin in Schneewittchen: Ein jeder von ihnen will unserem Protagonisten böswillig Schaden zufügen, ihm das Leben erschweren und seine Ziele unerreichbar gestalten. Die  Charakterzüge sind meist gegensätzlich veranlagt. Durch einen Bösewicht kann der Leser mit dem Protagonisten gedanklich mitkämpfen und dem Ziel genauso entgegenfiebern. Dabei spielt der Antagonist meist eine ebenso große Rolle, wie der Protagonist und zeugt von einem sehr genauen Charakter und großen Auftritten. Ihre Namen bleiben dem Leser meist genauso gut im Gedächtnis, wie der des Protagonisten. Daher sollten die Charakterzüge und Intentionen sehr genau durchdacht werden, damit der Antagonist real und authentisch erscheint.

Der Konkurrent
In Liebesromanen kommt es allzu oft vor, dass neben unseres Protagonisten, ein weiterer um den Schwarm der Geschichte wirbt. Ein Konkurrenzverhalten tritt auf und wir hoffen darauf, dass unser Protagonist diese ganz und gar andere Schlacht gewinnt. Dabei stiftet der Kontrahent gewiss auch hier und dort böswilliges und handelt hinterlistig, allerdings kommt hier niemand in ernsthafte Gefahr. Durch diesen Konkurrent entsteht eine Art von Wettbewerb und die Geschichte kriegt plötzlich ein anderes Gesicht.

Der unscheinbare Antagonist
Ein Antagonist muss nicht immer eine reale Person sein. Ein kleines Beispiel wäre der Roman P.S. Ich liebe dich. Kurz gefasst: Der Ehemann der Protagonistin verstirbt und vermacht seiner Ehefrau zwölf Briefe. Durch diese Briefe soll unsere Protagonistin ihre Trauer überwinden und in ihr Leben zurückfinden. Dabei steht sich die Protagonistin durch ihre Trauer, den Schmerz und den alten Erinnerungen selbst im Wege und spielt gleichzeitig Protagonist und Antagonist.
Diese Form eines Antagonisten kann durch alte Geschichten, Geschehen der Vergangenheit, Gefühle, schlechte Charakterzüge, das Gewissen, vielleicht durch eine Legende, einem Mythos oder sonstiges allerhand nicht Greifbares hervorgerufen werden.

Die Gruppe
Bei einem Antagonisten muss es sich nicht gezielt um eine Person handeln, die es zu bekämpfen gilt. Es kann auch ein Regierungssystem sein, welches mit Hilfe einer Revolution gekippt werden soll. Das Leben unseres Protagonisten kann ebenso durch unterschiedliche Formen der Religion, Kulturen, Gesetze oder eine übergeordnete höhere Instanz erschwert werden. Dabei spricht sich der Protagonist gegen eine größere Gruppierung verallgemeinernd aus.

Vorkommen

Antagonisten können innerhalb eines Romans unerwartet zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in verschiedenen Gestalten auftreten. Manchmal erscheinen sie geheimnisvoll im Prolog, verheißen nichts Gutes und lassen bereits Schlechtes erahnen. Sie können auch über viele Seiten hinweg stets nur als Gerücht, einem Wispern, vielleicht sogar in Form einer Legende auftreten, bis sie Wirklichkeit werden.
Vielleicht erkennen wir den Antagonisten zu Beginn gar nicht als solchen, wenn beispielsweise der Bösewicht sich in Form eines Freundes tarnt und die Auflösung erst recht spät kommt, so dass der Leser nur mit Indizien zurechtkommen muss.
Bei mehrbändigen Büchern kann es sich entweder stets um denselben Antagonisten handeln oder aber der Protagonist bleibt und der Antagonist wechselt stetig.

Ohne Antagonist existiert keine Geschichte

Erst durch einen Antagonisten, ganz gleich welcher Form, herrscht innerhalb einer Geschichte das gewisse Etwas. Spannung wird erzeugt. Rätsel werden hervorgerufen. Verzwickte Charaktere entstehen. Unterschiedliche Parteien werden ergriffen. Welten prallen aufeinander, Meinungen zerfetzen sich, Argumentationen unterschiedlichster Art treten auf.
Ohne unsere Antagonisten wird keine Geschichte auf Dauer überleben.
Denn, was wäre schon ein Buch ohne Probleme?

 

Quellen

*Wikipedia